Karikatur und Tragik

Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mensk in Linz

Opernwelt - Logo

Schwer zu glauben, dass Boris Timofejewitsch das Alter plagt: Mit Klaus-Dieter Lerche als Katerina Ismailowas Schwiegervater steht in der Linzer Neuinszenierung von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» ein überaus rüstiges und kernig singendes Mannsbild auf der Bühne, das gern unter offenem Hemd einen imposanten Brustkasten vorführt. Dennoch treibt ihn wohl die geriatrische Bettflucht nächtens durch die Lagerhallen, zudem drückt ihn die Prostata, weswegen er sich in ein Waschbecken entleert.

Ein paar Abonnenten stöhnen auf, auch später, als Alaine Rodin, eine hocherotische Katerina, fellatiofreudig vor ihrem rüde potenten Liebhaber Sergej (Erik Nelson Werner) in die Knie geht.
Doch man hätte diesbezüglich gewarnt sein können. Die junge Dame, die auf einem Plakat im Linzer Hauptbahnhof mit tiefem Blick an einer Zigarre nuckelt, hat zwar mit der Aufführung direkt nichts zu tun – aber die Bilder von Andreas Baeslers Inszenierung im Schaukasten des Landestheaters direkt gegenüber versprechen nicht weniger Deftiges. Freilich ist das alles durch Schostakowitschs Partitur legitimiert. Etwa, als bekanntestes Beispiel, in den wüst auftrumpfenden und danach erschlaffenden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2009
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mitten im Geschehen

Was muss ein Stoff haben, damit eine Oper aus ihm werden kann? Aribert Reimann hat diese Frage für sich so beantwortet: «gleichnishaften Ewigkeitswert». In seinen Bühnenwerken ist daher der Mensch das Maß der Dinge. Er ist Thema, Anlass, Gegenstand – und zwar als singend sich äußernde und entäußernde Figur. Darin dürfte ein wesentlicher Grund dafür liegen, dass...

Liebe im Kopf

Die Sache ist heikel. Das Libretto nach einem Buch des japanischen Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata erzählt die Geschichte eines Freudenhauses, das alten Männern ein besonderes Vergnügen bietet. Sie dürfen die Nacht im Bett mit einem sehr jungen, in Tiefschlaf versetzten, unbekleideten jungen Mädchen verbringen. Erlaubt sind keine Berührungen, nur Gedankenflüge....

Von Goldoni inspiriert

«Das hätte Mozart auch nicht besser schreiben können», war mein spontaner Gedanke, als ich Lucillas Arie «Chi sa, chi sa qual sia» aus Vicente Martín y Solers «Il burbero di buon cuore» (Der herzensgute Unwirsch) zum ersten Mal hörte. Da hatte ich das Kleingedruckte (im Booklet zur DVD) noch nicht gelesen. Tatsächlich handelt es sich bei dieser Arie (wie auch bei...