Vom Körper her gedacht
Der ganze Körper zittert, bebt, vibriert: Brünnhilde platzt förmlich vor Energie bei ihrem ersten Auftritt. Mit lässigem Behagen prostet ihr Wotan zu, noch in sektlauniger Rückschau auf seine frisch gepaarten Wälsungenkinder befangen. Vorher hatte Sieglinde Siegmund den Wassertrunk aus ihren eigenen Händen gegeben. Der brüderliche Fremde schlürfte sie derart aus, dass man nicht die Stillung, sondern das schnelle Wachstum einer Begierde erfährt. Es sind solche vitalen Personenzeichnungen, die die Qualität von Vera Nemirovas «Ring»-Regie an der Oper Frankfurt ausmachen.
Aufregend neue interpretatorische Setzungen sind weniger zu erwarten. Der erzählerische Fluss wird sinnvoll ins Lebhafte gelenkt. Blinder Aktionismus bleibt vermieden, mehr noch zähe Statuarik. Klug ausdifferenziert zwischen Ruhe und losbrechender Erregtheit etwa das lange Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde im zweiten Akt. Viel dramatischer als gewöhnlich das Schwanken der Walküren zwischen dem Mitleid mit Schwester Brünnhilde und der Angst vor dem zornigen Göttervater. Mit der körperlichen Einbeziehung Sieglindes in einen schmerzlichen Konflikt erhält auch die Todesverkündigung des zweiten Akts – jetzt eine ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
Diesem Mann ist nicht zu trauen: Barett kommt als Butler in Tonys Haushalt. Zunächst gibt er ganz den Diener, doch nach und nach wirft er die servile Haltung ab, verführt seinen Herrn, entreißt ihn den Händen seiner Freundin (Sally Grant) und bekommt ihn schließlich – ins Bett. Wenn Alexey Bogdanchikov als Barett seinen breiten Bariton einsetzt, unterwürfig auf den...
Beschaut man die Szene, wird die Erinnerung an Schubert wach: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Losgelöst von den Menschen, schwebt Lucia Ashton – soeben hat sie den ihr aufgezwungenen Gatten Arturo gemordet – im blutbefleckten Hochzeitskleid die Treppe hinab in den Saal (Bühne: Robert Pflanz), besteigt den festlich gedeckten Tisch, liegt dort,...
Pech für den Intendanten und Regisseur. Obwohl er mit einem Mikrofon ausgestattet den Vorhang teilt – wir verstehen kein Wort von ihm. Die Vertreter des Publikums, die «Tragischen» und die «Komischen», die «Lyrischen» und die «Hohlköpfe», die ihn aus den Proszeniumslogen chorisch bedrängen, übertönen den Hausherrn locker. Doch keine Bange, Marc Adam verschafft sich...
