Huldigung für eine Leiche

Bern: Scartazzini: Wut

Opernwelt - Logo

Vatermord, Folter, Nekrophilie, Wahnsinn – Andrea Lorenzo Scartazzinis Oper «Wut» führt in eine düstere, hoffnungslose Welt. Das Stück des 1971 in Basel geborenen Schülers von Rudolf Kelterborn und Wolfgang Rihm wurde im September 2006 am Theater Erfurt uraufgeführt (siehe OW 11/2006). Nun stellte das Stadttheater Bern das Werk in der Schweiz vor. Zu Grunde liegt die im Kern authentische, freilich legendenüberwucherte Geschichte der kastilischen Edeldame Ines de Castro.

Sie war die Geliebte des portugiesischen Prinzen Pedro, wurde aber 1355 auf Befehl von dessen Vater, König Alfons IV., umgebracht. Hier setzt die Oper ein: Aus Rache ermordet der wütende Sohn den Vater. Auch die beiden Auftragstäter tötet er und schickt sie als «Boten» ins Jenseits. Dann lässt er die bereits bestattete Ines wieder ausgraben und vom Volk als Herrscherin verehren. Die «Boten» kehren zurück und berichten, dass es weder ein Jenseits noch Gott gebe, keinen Weltsinn und keine Gerechtigkeit. Pedro endet im Wahnsinn. In einer kühnen Volte spinnt Librettist Christian Martin Fuchs das Geschehen in die Gegenwart fort – in eine Diktatur, deren Herrscher seine verschwundene Geliebte zur Ikone einer neuen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Alfred Ziltener

Vergriffen
Weitere Beiträge
Geliehene Gefühle

Es sollte der ganz große Wurf werden. Ein Werk, das als erste «Great Australian Opera» in die Geschichte eingehen würde. Vor zehn Jahren wurde es vom wichtigsten Musiktheaterinstitut, Opera Australia, bei Brett Dean, dem prominentesten Komponisten des Fünften Kontinents, in Auftrag gegeben. Nichts weniger als ein Meisterstück erhoffte sich Simone Young, die...

Unerschöpflich menschlich

Die Händelitis treibt weiter Blüten, auch im Jahr eins nach dem großen Jubiläumsrausch. Aus dem Norden Deutschlands kommt eine Aufnahme des «Judas Maccabaeus», eines Werks, das diskografisch merkwürdig unterrepräsentiert ist. Ob’s am relativ handlungsarmen Libretto liegt? Oder an den Schwierigkeiten, eine stimmige Fassung zu erstellen, zumal Händel selbst von...

Kampf und Krampf

Es dauert nicht lange, da serviert Calixto Bieito im Basler Theater den ersten Schocker. Ramfis (mit eindrucksvollem Oberkörper und kräftigem Bass: Daniel Golossov), ganzkörperbemalt als eine Art Fußballkrieger, hat ein aufgeschlitztes Reh dabei und wühlt in den blutigen Eingeweiden, während er die Schnauze küsst. Ein Priester in Soutane führt ein Kind an der...