Endstation Sehnsucht
Coraggio! So würde man wohl südlich der Alpen konzis ausrufen angesichts eines radikalen Saisonstarts, wie ihn die Oper Frankfurt, frisch akklamiertes «Opernhaus des Jahres», hingelegt hat. Zwei Premieren binnen Wochenfrist, mit zwei zeitgenössischen Stücken, die meilenweit abseits der kanonischen Sicherheitszone liegen, in zwei eigenwillig-entschiedenen Regiehandschriften.
Im Bockenheimer Depot, als deutsche Erstaufführung, Olga Neuwirths Musiktheater «Lost Highway» von 2003 auf ein Libretto, das die österreichische Komponistin gemeinsam mit ihrer Landsfrau Elfriede Jelinek geschrieben hat, nach dem Drehbuch zu David Lynchs gleichnamigem Film; im Großen Haus am Willy-Brandt-Platz Peter Eötvös’ original russischsprachige Tschechow-Adaption «Tri Sestry» aus dem Jahr 1998.
Zwei differierende, an und für sich hermetische (zur Hermeneutik durchaus anstiftende) Positionen werden hier sichtbar, deren Hauptunterschied auf der narrativen Ebene liegt: Dominiert bei Eötvös punktuell verschobenes Erzählen (Julio Cortázars auf aleatorischen Prinzipien gründender Roman «Rayuela» blinzelt hindurch), unterliegt Neuwirths Opus grosso modo stark assoziativen Denkmustern. Und doch gibt es ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Der 11. Mai 1946 ist in den Annalen der Mailänder Scala ein in dreifacher Hinsicht bemerkenswertes historisches Datum: Das im Krieg schwer zerstörte Theater wurde nach dem Wiederaufbau neu eröffnet, Arturo Toscanini, Italiens größter Dirigent und eine Symbolfigur des Antifaschismus, kehrte nach langer Abwesenheit an die Stätte seines früheren Wirkens zurück, und...
Die Schlüsselfigur: ein Dichter. Schon vor Beginn der eigentlichen «Handlung» in Thomas Larchers Kammeroper «Das Jagdgewehr» ist er unwillentlich zu ihrem Auslöser geworden, hat er doch nach flüchtiger Begegnung mit einem Jäger dieses Erlebnis sogleich poetisch verarbeitet. Es war ihm so vorgekommen, als drücke die Churchill-Doppelflinte des Fremden, der mit...
Das Mittelmeer hieß im Römischen Reich mare nostrum, unser Meer, das Meer der Europäer. Wir sind nicht für jedes Leid der Welt zuständig. Für das Leid in unserem Meer sind wir zuständig. Wenn wir den Tod im Mittelmeer verhindern können, müssen wir ihn verhindern.» Das schrieb Jakob Augstein im Juli dieses Jahres im «Spiegel» in einem moralischen Appell unter dem...
