Ekstatische Klarheit
Sergej Prokofjew hat seinen «Feurigen Engel» nie zu sehen bekommen. Als er 1923 in Bayern, frisch beeindruckt vom Passionsspiel Oberammergau, der Oper den letzten Schliff verpasste, fragte ihn Wladimir Mjaskowski besorgt, ob die Sache «nicht irgendwie zu religiös» sei. Prokofjew verneinte und hob die «orgiastische Finsternis» des Werkes hervor, was auch nicht gerade sowjettauglich klang.
Zwar spielt der «Feurige Engel» wie der ihm zugrundeliegende symbolistische Roman Waleri Brjussows im mittelalterlichen Deutschland, aber der russische Zensor hätte besoffen sein müssen, um den Zusammenhang mit der chaotischen Zeitenwende 1917 zu übersehen. «Wisset, dass der Geist der Finsternis oftmals annimmt die Gestalt von Engeln des Lichtes» – allein dieser Satz des Inquisitors spricht Bände. Er könnte einer Inszenierung den Weg weisen.
Doch Mariusz Treliński, künstlerischer Leiter der Nationaloper Warschau und auch auswärts gut im Geschäft, vermeidet jeden Symbolismus, begnügt sich mit den psychologischen Aspekten des Sujets, wobei er sich auf Prokofjew berufen kann, der Brjussows Hexensabbat bereits gestrichen hatte. Gleichwohl ist «Der feurige Engel» nicht nur ein Stück über ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Volker Tarnow
59. Jahrgang, Nr 7
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752313
Redaktion Opernwelt
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
redaktion@opernwelt.de
www.der-theaterverlag.de/opernwelt
Redaktion
Jürgen Otten, Albrecht Thiemann (V. i. S. d. P.)
Redaktionsbüro
Andrea Kaiser...
Eva-Maria Höckmayr scheint eine Vorliebe für Bühnentote zu haben. Wie schon in ihrer Berliner «Poppea» liegt die Leiche im Halbfeld links; irgendjemand hat ihre Umrisse auf den Boden gemalt. Doch wie es das Wunder will und ebenso die Musik, erhebt sich, kaum ist aus dem Off der unheilvolle Schuss gefallen, der arme Riccardo, während im Graben sein und Amelias...
Steht man vor den großen Opern und Kunstmuseen in Europa oder Amerika, ist die Assoziation Tempel, Palast, Festung fast unvermeidlich. Schier uneinnehmbar scheinen sie, Treppen führen hinauf zur hohen Kunst: «Meisterwerke» wie Gehäuse für die Ewigkeit bestimmt, das schlechthin Museale als «Einschüchterung durch Klassizität» (Bertolt Brecht). Doch alles bleibt...
