Schuldig, was heißt das schon?
Vielleicht ist «Tannhäuser» heute die am schwierigsten zu inszenierende Wagner-Oper? Der Sündenfall des Venusbergs ist in Zeiten von Patchwork-Beziehungen und allgegenwärtiger Pornografie ja nur noch schwer plausibel zu machen. So scheint fast zwangsläufig, dass heutige Regisseure die Kategorien von Schuld und Sühne aufzuweichen geneigt sind und für die einst scharfen Gegensätze von Wartburg und Venusberg, von keuscher und sinnlicher Liebe nicht mehr viel übrig haben.
Dieser Trend birgt jedoch die Gefahr, für die von Wagner sehr grundsätzlich verstandene Chiffre von Schuld kein gültiges Bild zu finden und die Dialektik des Werks zu kippen. Was bleibt, ist häufig eine bewusste Leerstelle.
Wie nun am Kasseler Staatstheater, wo Regisseur Lorenzo Fioroni alle Register zieht, um das Treiben einer übersättigten Spaßgesellschaft aufzuzeigen. Paul Zoller hat ihm dafür einen wuchtigen Quader gebaut, eine Bühne auf der Bühne, die sich häufig dreht und enorm wandlungsfähig ist. Gespielt wird in Kassel die Dresdner Fassung, jedoch in der Variante, in der die Ouvertüre nahtlos in das ausgiebige Bacchanal übergeht. Währenddessen dreht sich der noch geschlossene Zauberkasten, auf dem ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Regine Müller
Huiiiiiiiiii. Eine Hand sirrt durch den Dschungel. Trifft auf einen stehenden Zierteich, volles Rohr. Splashshshshshshshsh. Zoooooooooom. In Zeitlupe schießt die Fontäne auf, zerstiebt in Myriaden Tropfen, zu einer Glitzerwolke, die direkt vor unserer 3D-bebrillten Nase tanzt. Ein Naturschauspiel aus dem Computer, perfekte Simulation. Unwillkürlich fühlen wir nach,...
Im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, 1915, beendete der Wiener Akademielehrer Franz Schreker seine Oper «Die Gezeichneten». Was er hinter der Maske der italienischen Renaissance, im alten Genua, an Personal vorführte, waren die Protagonisten seiner eigenen habsburgischen Umwelt, in der sich Biederkeit und Ausschweifung, zackige Männlichkeit und Psychoanalyse...
Man kann den Mozart ändern, wenn man ihn ändern kann. Brechts auf Shakespeare gemünztes Diktum konnte einem beim neuen Basler «Idomeneo» in den Sinn kommen. Freilich wird dort zunächst nicht geändert, sondern hinzugefügt: die Video-Beiträge des auch an der Ausstattung beteiligten Falko Herold. Schon während der Ouvertüre der imaginierte Kriegsverlauf: Puppen,...
