Aus der Zeit gefallen
Wer Korngolds «Die tote Stadt» in Görlitz inszeniert, kann sich das Bühnenbild fast sparen. Zwar ist die Innenstadt inzwischen weitgehend saniert, doch die verlassenen Gassen und Plätze der vom Krieg unversehrten Stadt verströmen noch immer eine aus der Zeit gefallene Atmosphäre, die unmittelbar an das vergessene Vorkriegs-Brügge erinnert, das Korngolds Oper beschwört.
Kaum hat man sich dann auf seinem Platz im Rang des reich ausgezierten Theaters niedergelassen, um sich von Korngolds üppigem Orchesterklang in ein nostalgisch-morbides Fantasieland entführen zu lassen, wird man jäh ernüchtert. Statt im Orchestergraben befindet sich die Lausitzer Philharmonie auf der Hinterbühne. Auch wenn die Aufstellung die Kluft zwischen Bühne und Publikum abbaut und für die Sänger hilfreich ist, handelt es sich um einen gefährlichen Kompromiss. Denn nun bekommt man den Klangkörper nur im äußersten Fortissimo in seiner ganzen physischen Präsenz zu spüren. Dabei muss sich das hervorragend aufgelegte, unter Andrea Sanguineti farbenreich und in großen emotionalen Spannungsbögen aufspielende Orchester wahrlich nicht verstecken: Sein live produzierter Klang ist buchstäblich viel zu kostbar, um ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Carsten Niemann
Kein Wunder, dass Edvard Grieg abwinkte. Das Libretto, das Maurice Maeterlinck 1899 schrieb, um seiner singenden Lebensgefährtin gute Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen, eignet sich kaum für eine Oper. Mythos auf Märchen getürmt; symbolistische Übersteigerung, abgefangen durch krass realistische Raum- und Regievorstellungen; Seelenschau statt Narration; die...
In einer Schmiede, sollte man meinen, geht es hitzig zu, stieben Funken, rinnt Schweiß. Der neue Leipziger «Siegfried» hingegen hat Mühe, auf Betriebstemperatur zu kommen. Was weniger an den seltsamen Schlingpflanzen liegt, die Bühnenbildner Carl Friedrich Oberle wuchern lässt. Sondern daran, dass der erste Aufzug nicht funktionieren kann, wenn Mime nicht zündet....
Jonathan Dove, Sie haben Ihr Handwerk vor allem in der Praxis gelernt?
Nach dem Studium in Cambridge bei Robin Holloway war ich gut zehn Jahre als Korrepetitor, Begleiter, Arrangeur unterwegs, da lernt man, wie Oper funktioniert. Unter anderem habe ich für Graham Vick die «West Side Story» als Community-Oper eingerichtet – schon in den Achtzigern ein ganz ähnliches...
