Auf Koks

Die Nederlandse Opera in Amsterdam zeigt Prokofjews «Spieler», dirigiert von Marc Albrecht, inszeniert von Andrea Breth

Opernwelt - Logo

Wer allein die Musik dieses wahnwitzigen Stücks hört, diese priapistische Dauerspannung, diesen «Strawinsky auf Koks», blech- und perkussionsgesättigt, von elektrisierender, großstädtischer, aber auch leerlaufender Betriebsamkeit – wer also nur die tönende Energetik von Prokofjews «Spieler» wahrnimmt, erfährt schon viel von der Gesellschaft im Petrograd des Jahres 1916, bevor auch diese für immer zusammenbrach.

Im Spielkasino einer Fantasiestadt mit dem plakativen Namen «Roulettenburg» stolpern symbolisch das Zarenreich, der Kapitalismus und die Großstadtdekadenz ihrem Ende entgegen, wird alles wie in der Rouletteschale durcheinandergewirbelt. Die Handlung borgte sich Prokofjew bei Fjodor Dostojewski aus, der selbst ein exzessiver Spieler war, aber eben auch ein genauer Beobachter der fatalen Wirkung, die das Suchtverhalten auf die Beziehungen des Menschen hat: Es treibt ihm die Seele und das Mitgefühl aus dem Leib, der nur noch das Auf und Ab von Gewinn und Verlust erlebt. Echte Bindungen sind unter solchen Umständen der Selbstentfremdung durch das Kapital natürlich nur noch sentimentale Utopie – Prokofjew unterstreicht es durch eine radikal entromantisierte Musik, in der alle ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen

Weitere Beiträge
Editorial Februar

Der Spielzeughersteller Lego beweist wieder einmal, dass er auf der Höhe der Zeit ist. Heute stellte das dänische Unternehmen eine [...] neue Serie vor. Unter dem Titel ‹Gescheiterte deutsche Großprojekte› können bald auch Kinder vergeblich versuchen, den Berliner Großflughafen BER, den unterirdischen Bahnhof Stuttgart 21 sowie die Hamburger Elbphilharmonie zu...

Ohne Rückendeckung

Es ist ruhig geworden um die Kölner Oper. Nach den Eruptionen, mit denen die kurze Intendanz von Uwe-Eric Laufenberg zu Ende gegangen ist, mag man das als Wohltat empfinden. Doch die Ruhe ist teuer erkauft: Der Spielplan wird drastisch ausgedünnt, die Mittel schrumpfen, und hinter den Kulissen köcheln noch immer die gleichen Querelen.

Produktionen von hohem Rang...

Zwischenapplaus

Das Verdi-Jahr auf Silberscheiben? Im Grunde eine Enttäuschung. Gut, diverse Star-Recitals wurden produziert, doch das eher für die schnelle Kasse, weniger für erhellende Neuansätze. Zum Thema Gesamtaufnahmen, so suggeriert es die vereinigte Label-Front, scheint ­alles gesagt. Fast, wie ein Live-Mitschnitt aus dem Gießener Stadttheater zeigt. Und dann auch noch...