Der Mob als Subjekt
Wer hat Lenski auf dem Gewissen? Eigentlich eine Frage, die man gar nicht stellen muss. Sowohl aus der Puschkin-Vorlage als auch aus Tschaikowskys Oper geht schließlich klar hervor, dass Onegin ihn getötet hat. Warum aber fordert Lenski seinen besten Freund überhaupt zum Duell? Sicher nicht, weil er ernsthaft befürchtet, Onegin könnte ihm die Verlobte ausspannen. Eher, weil der Flirt auf der Tanzfläche vor aller Augen seinen gesellschaftlichen Stand untergräbt. Ihn und Olga Tratsch und Skandalgeflüster aussetzt. Eine unbefangen ehrbare Zukunft von vornherein unmöglich macht.
So weit, so gut. Doch von hier bis zu der Behauptung, dass die Menge Lenskis Tod direkt zu verantworten hat, ist es ein langer Weg. In der Inszenierung, die Vasily Barkhatov erst für Sankt Petersburg und Vilnius versehen, dann für Stockholm und Wiesbaden noch einmal eingerichtet hat, liefert die Idee den Schlüssel zum gesamten Drama. Das eigentliche Duell kommt gar nicht zustande. Auf den Klippen über dem Fischerdorf, wo die verarmte Larina und ihre Familie gezwungenermaßen residieren, versammelt sich in der Morgendämmerung der schaulustige Mob – so versessen sind die Leute auf das Spektakel, dass Lenski im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Guy Dammann
Einen ausgewiesenen Bezug zur Opernbühne haben die drei Werke in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht. Auch lassen sie sich kaum ohne Weiteres thematisch aufeinander beziehen. Dennoch fügen sich Arnold Schönbergs «Pierrot lunaire», Kurt Weills «Mahagonny-Songspiel» und seine «Sieben Todsünden» in dieser außergewöhnlichen Inszenierung zu einem schlüssigen Tableau....
In den vier Jahren seit ihrer Gründung hat sich die Heartbeat Opera unter New Yorks Off-Broadway-Kompanien mit ihrem Markenzeichen hervorgetan: Bekannte Repertoirestücke werden auf brandaktuelle Themen abgeklopft, beschnitten, umgestellt, kurz: pointiert. Dabei können sich die künstlerischen Leiter Ethan Heard und Louisa Proske auf ein fähiges Musikerteam stützen....
Man sieht, was Rainer Sellmaier jetzt für Tobias Kratzers «Hoffmann» gebaut hat, immer häufiger: das Verkasteln des Bühnenraums in simultane Spielorte. Das ist gut, wenn es um die szenische Analyse eines mehrschichtigen Geschehens geht. Dass Offenbachs und Barbiers Hoffmann-Komplex zu diesen Stücken zählt, daran kann kein Zweifel bestehen. Schade bloß, dass wir...
