Serienkiller
Blutüberströmt liegt die Leiche des jungen John im Bett. Als sich die wütende Meute aus dem Dorf dem Haus des Fischers Peter Grimes nähert, hat der sein nächstes Opfer längst geschlachtet. Grimes scheint verwirrt, spricht noch mit dem Gehilfen. Montagu Slaters Libretto erzählt die Geschichte etwas anders, da lebt der Junge noch. Doch in Tilman Knabes Dortmunder Inszenierung wirft sich Grimes den Toten in einem Plastiksack über die Schulter, säubert schnell die Wohnung und rennt davon. Die Spurensicherung würde sicher noch eine Menge Beweise finden.
Aber die Dörfler ziehen nach kurzer Suche wieder ab.
An der Oper Dortmund ist Peter Grimes ein Serienkiller. Er versucht seine Triebe zu beherrschen, doch wenn er Knaben sieht, bricht seine dunkle Seite durch. Er misshandelt die Kinder, die er sich aus einem Waisenhaus holt. Auch Ellen Orford zerschlägt er das Gesicht. Nicht obwohl, sondern weil sie ihn liebt, an einen guten Kern in ihm glaubt und zu vielen Opfern bereit ist, um diesen hervorzukehren – dadurch kommt sie ihm zu nahe. Die Gewalt erwächst aus der Angst, berührt zu werden. Peter Grimes ist auch ein Liliom.
Diese Interpretation des Stücks erinnert an heutige Psychothriller ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Stefan Keim
So einem Siegfried begegnet man selten. Einem, der nicht nur über den ganzen Abend stark vor-, sondern kurz vor Schluss auch noch eine Spitzenleistung hinlegt. Atemlos lauscht man da, wie Thomas Mohr seinem Rollendebüt die Krone aufsetzt. Wie er als Wagners verstrickter Erlösungsrecke am von Hagen gereichten Gegengift zum Vergessenstrank nippt und sich plötzlich...
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und...
Wenn sich der Vorhang öffnet und die schwarz ausgehängte Bühne freigibt, robbt ein nackter Mann mit einem überdimensionalen Hut über den Boden. Bald kommen zwei weitere nackte Performer hinzu – mit derselben spitz zulaufenden Kopfbedeckung, die mehr einer Ku-Klux-Klan-Maske als an einem Juden-Hut ähnelt. Dominiert wird die dunkle, meist nur dämmrig ausgeleuchtete...
