Der Horror nebenan
Kaum ein Lyriker wird so sehr mit heimeliger Romantik, gar «von deutscher Seele» (Hans Pfitzner), identifiziert wie Joseph von Eichendorff. Doch das Klischee trügt: Gerade er ist der Dichter des verstörend Vergänglichen, Unheimlichen, und in seiner Welt ist nichts recht geheuer. Zwei Topoi Eichendorffs irritieren denn auch stets aufs Neue: Wasser und Stimmen stehen gleichermaßen für das bedrohlich Diffuse.
Das Liquide als Basis allen Lebens, das Gestaltlos-Ungreifbare, Erotisch-Verlockende wie Apokalyptisch-Zerstörende, Unaufhaltsam-alles-Überflutende, Verschlingende: die Polaritäten von Nixe und Tsunami. Eichendorff immerhin belässt es gnädig bei tiefer Ratlosigkeit. In «In der Fremde» formuliert er: «Ich hör’ die Bächlein rauschen im Walde her und hin ... Ich weiß nicht, wo ich bin.» Die Fließrichtung selber ist ungewiss, sogar die Naturgesetze scheinen fraglich geworden. Auch von daher kommen die Zweifel an der einstigen narrativen Linearität von Roman, Theater und Film. Gerade der assoziative «Bewusstseinsstrom» ist unkontrollierbar. Zufall ist es demnach kaum, dass gleich fünf neuere Musiktheaterwerke die Fluten thematisieren: Detlev Glanerts «Holzschiff», Olga Neuwirths ...
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Opernwelt Jahrbuch 2018
Rubrik: Uraufführung des Jahres, Seite 38
von Gerhard R. Koch
In der vergangenen Spielzeit machten diese neuen Stücke den stärksten Eindruck: Heinz Holligers «Lunea» nach Nikolaus Lenau in Zürich (die «Uraufführung des Jahres»), Aribert Reimanns «L’Invisible» nach Maurice Maeterlinck an der Deutschen Oper Berlin, Toshio Hosokawas «Erdbeben. Träume» nach Heinrich von Kleist in Stuttgart und Arnulf Herrmanns «Der Mieter» nach...
Ohne Spiel wäre die Menschwerdung des Menschen undenkbar, glaubte Friedrich Schiller. Nur als homo ludens sei dieser imstande, Sinn zu stiften. Nicht als auktorialer Erzähler, der über das Gute, Wahre und Schöne verfügt, sondern als Suchender in offenem Terrain. Der spielende Mensch handelt, spricht, tanzt, singt gleichsam auf Probe, um sich zu erkennen und die...
Wer hätte das gedacht? Dass einer, um den es zeitweilig schon etwas still geworden war, der mit dem Theaterbetrieb, mit der Theaterkunst haderte, wieder zu den stärksten, markantesten Stimmen im Konzert der zeitgenössischen Opernregie zählen würde? Im Januar ist Peter Konwitschny 73 Jahre alt geworden, doch von Erschöpfung ist nichts zu spüren. Im Gegenteil – mit...
