Die entsorgte Religion
Eigentlich haben Szene und Musik bei den Bayreuther «Parsifal»-Aufführungen nur selten zusammengepasst. Die Diskussion setzte schon wenige Jahre nach der Uraufführung ein, als Felix Mottl das Dirigat von Hermann Levi übernahm und damit – so hörten es jedenfalls die Antisemiten, darunter Witwe Cosima – das Stück insgesamt neu beleuchtete. Hans Knappertsbusch hasste Wielands magisch entrümpelte Fassung aus tiefstem Herzen – und doch entstand zwischen seinem Dirigat und der Inszenierung ab 1951 eine Spannung, die viele Jahre trug.
Später hielt James Levine beim «Parsifal» die Zeit an, ausgerechnet zu Götz Friedrichs aktionsreicher Inszenierung, die jedes Zelebrieren vermied. Und auch wenn sie sich mochten: Pierre Boulez schaute quasi von außen auf die «Parsifal»-Partitur, legte ihre Strukturen offen, während Christoph Schlingensief sich dem Stück mit subjektivistischer Assoziationswut näherte. Zu schweigen von der kuriosen Kombination, die sich aus Daniele Gattis dumpfem Weihe-Verständnis und Stefan Herheims mental wie bühnentechnisch agiler Deutung ergab.
Nun wieder eine extreme Kombination. Diesmal ist es die Szene, die versagt. Die Vorgeschichte ist bekannt. Kaum war der Plan mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
Endlich ist er in Russland angekommen: Mieczyslaw Weinbergs «Idiot». Zwar gab es 1991 ein paar Aufführungen an der Pokrovsky Kammeroper in Moskau, doch gespielt wurde damals eine stark gekürzte Fassung, die bald vom Spielplan verschwand. Für das russische Publikum ist Weinberg bis heute eher ein namenloser Filmkomponist als Schöpfer von Klavier- und Kammermusik,...
Auf dem Cours Mirabeau und den anderen platanenumsäumten Boulevards flaniert sich’s wie immer, aber an Brennpunkten des öffentlichen Lebens wird die Veränderung doch merklich. Die liberté aus der Wunschparole der großen Revolution wird von der sécurité angefressen, und wo, bitte schön, ist die fraternité geblieben? Egalité wird an den Festspieleingängen...
Berlioz, szenisch? Gab es in Moskau lange nicht. Im Bolschoi Theater dirigierte Alexander Vedernikov 2002 «La Damnation de Faust» – konzertant. Überdies fehlten ihm damals, wie er selbst befand, zwei Wochen Probezeit. Der aktuelle Generalmusikdirektor, Tugan Sokhiev, führte im April dieses Jahres in einem Galakonzert Berlioz’ Requiem auf, wobei zwar der Chor des...
