Auf der Pirsch
Schon während der Ouvertüre läuft das Verbeugungsritual ab. Figaro und Susanna, Graf und Gräfin, Marcellina und Basilio nehmen ihre Solovorhänge entgegen, zeigen große Freude über die offenbar gelungene Aufführung. Doch schnell bröckelt die Fassade, Eitelkeiten und Intrigen brechen durch, schließlich prügeln sie sich wie die Kesselflicker. In dieser Truppe stimmt was nicht, und nach dem Ende der imaginierten Vorstellung, sprich: Mit Beginn von Mozarts «Le nozze di Figaro» in der Lettischen Nationaloper geht das richtige Leben los.
Der fulminante Beginn von Vera Nemirovas Inszenierung wirkt auch deshalb so eindringlich, weil das Rigaer Publikum enthusiastisch applaudiert, noch bevor es den ersten gesungenen Ton gehört hat. Dann öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei in einen Garderobenraum, wo beim Abschminken die Verhältnisse neu geordnet werden. Ein schwebender Zwischenort, in dem die Regisseurin das Theater als Gegen- und Abbild der Feudalgesellschaft zeigt: der Graf als Intendant, Figaro und Susanna als untergeordnete Kräfte, die Gräfin als Primadonna, an welcher der Prinzipal inzwischen das Interesse verloren hat. Figaro misst nicht das Bett aus, sondern zeigt ...
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