Meisterswinger, Meisterrapper
Auf der Bühne herrscht beträchtlicher Verkehr. Mit Graffiti übersäte Kübelwagen rumpeln ihre Runden, spacke Superhelden in prallengen Kostümen schwirren durchs Terrain, viel Volk und Sänger purzeln die Treppen des Bühnenbildes rauf und runter. Unten am Bühnenrand parken trojanische Pferde, und die Nerven des Publikums werden von Maschinenpistolengarben zerrüttet, die durch die Nacht peitschen. Wo wir sind? In Deutschland natürlich, in Nürnberg, nicht weit vom späteren Reichsparteitagsgelände.
Hier tagen die Meistersinger, eine frühbürgerliche Spießer-Elite, lauter Handwerksmeister, die nach einem ungemein ausgetüftelten Regelwerk um die Wette singen und dichten, als wär’s ein Battle-Rap. Heute aber müssen sie als Gremium über zwei Dinge entscheiden: Darf der adlige Stolzing, der das Singe-Handwerk nicht gelernt hat, nur begabt und beseelt ist, mitmachen? Mit anderen Worten: Wie hält’s der deutsche Bürger mit Genie und Avantgarde? Und: Darf auch mal das Volk oder dürfen nur Profi-Juroren entscheiden, wer’s am besten kann? Am Ende kriegt Deutschland seinen Superstar, und der Superstar kriegt sein Deutschland.
Doch noch ebbt die Raserei nicht ab. Wir sind nämlich nicht nur in ...
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Als 1808 die berühmten Hofschauspieler der «Comédie Française» die versammelten Monarchen des Erfurter Fürstenkongresses mit ihrem Spiel zerstreuten, mussten sie noch mit dem später Kaisersaal genannten Ballhaus vorlieb nehmen. Erst 1877 leisteten sich die Erfurter Bürger ein veritables Theatergebäude, mit immerhin 1150 Plätzen, aber noch ohne eigenes Ensemble....
Halb elf am Nürnberger Hauptbahnhof hatten wir ausgemacht. Der Schauspieler Andreas Uhse steht vor dem «Info-Center», und von weitem meint man, diese Haltung zu kennen: ein wenig verloren und irgendwie fehl am Platz, allein unter Unzähligen. Der kahle Schädel zuckt immer mal ruckartig wie der Kopf eines aufmerksamen Vogels, die spitze Nase sticht in die Luft, die...
Wann geht das los? Jung muss man erst werden. Es kann nicht sein, dass das mit der Geburt schon beginnt. Wenn die Hebamme der Mutter ihr Neugeborenes an die Brust legt und statt: Das ist aber ein schönes Baby! sagt: Das ist aber ein junges Baby!, dann vergreift sie sich in der Wortwahl. Auch was bald danach kommt, die Kindheit, kann nicht herhalten für das, was...
