Die Gezeiten einer Stimme
Vor vielen Jahren klebte in Gelsenkirchen ein Plakat mit dem Text «An Jesus kommst du nicht vorbei». Einer schrieb darunter: «Stan Libuda immer». Eine zarte Blasphemie, über die vermutlich auch Gott schmunzelte. Was das mit Rolando Villazón zu tun hat? An ihm und seinem Comeback nach der etwa halbjährigen freiwilligen Auszeit käme im Augenblick wohl auch der legendäre Rechtsaußen von Schalke 04 nicht vorbei, zumindest in der Welt der Oper.
Der sportive Vergleich ist im Übrigen nicht so weit hergeholt: Als der Sänger Anfang Januar an der Wiener Staatsoper im «Werther» nach dem Sabbatical die Bühne wieder betrat, ermunterte das Publikum ihn mit energischem Auftrittsapplaus ganz in der Art jenes «Come on boy, you can do it», mit dem man angeschlagene Boxer aufbaut. Und man könnte sich vorstellen, dass Schallplattenmanager angesichts seines neuen Recitals, des ersten beim renommierten Gelblabel, mit dem Argument «Junge, gerade jetzt kannst du doch nicht schlapp machen» auf ihn einzuwirken versuchten.
Villazóns Problem war und ist, dass die dunkle, männliche Glut seines Timbres den Spinto suggeriert, der er (noch?) nicht ist. Sein so prächtig feuriges, aber schlankes Organ findet wohl ...
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Was macht man mit dem Titelhelden? Besetzt man die große Kastratenpartie in Händels 1724 uraufgeführter Oper «Giulio Cesare in Egitto» mit einer Altistin oder einem Kontratenor? Oder vielleicht sogar mit einem Bariton, wie es vor dem Siegeszug der historischen Aufführungspraxis üblich war? Das Badische Staatstheater Karlsruhe entschied sich bei dem opulenten...
Die Castorf-Epigonen gehen um. Zwei lebendige Momente hatte Benedikt von Peters Inszenierung von Händels «Teseo» (1713) an der Komischen Oper immerhin: Der eine ereignete sich nach fünfundvierzig Minuten, als zu den Klängen der feierlichen Ouvertüre der Eiserne Vorhang hochfuhr und den Blick auf das verregnet-morastige Schlachtfeld vor Athen freigab. Die Ouvertüre...
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