Das Lied als Kammermusik
Dieter – er ist mir ganz nah, mit seinem lieben Gesicht, dem Klang seiner Stimme, seiner Freundlichkeit, seinem Humor. Stunden vor seinem Tod durfte ich ihn noch besuchen, sprach mit ihm, freute mich an seinem leisen Lächeln, litt mit ihm und für ihn angesichts seiner Schwäche. Vor zwei Tagen haben wir ihn begraben – auf dem Berliner Waldfriedhof an der Heerstraße, unter großen Bäumen, herrlichen Rhododendren, einem Ort voll naturgegebener Schönheit und Ruhe. Aribert Reimann, Norbert Miller, Murray Perahia, Thomas Hampson, Peter Gülke waren dabei. Und Julia.
Sie hat ihm in all den Jahren ein Heim bereitet, hat sich liebevoll um ihn gekümmert, hat ihn ermuntert, gestützt und unterstützt. Julia Varady gilt mein großer Respekt.
Dietrich Fischer-Dieskaus Karriere begann 1947, kurz nach dem Ende des Weltkriegs. Damals fing nicht nur ein junger Mensch neu an und gab vielen Hoffnung: Im Singen des jungen Fischer-Dieskau entfalteten Dichtung und Musik jene visionäre Kraft, die aller Kunst innewohnt, die das Gespräch des Menschen mit sich selbst möglich macht und Ausblicke öffnet. Einige Jahre später war er der erste deutsche Künstler, der in Israel konzertierte. Und nie werde ich ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Hommage Dietrich Fischer-Dieskau, Seite 38
von Hartmut Höll
Anachronismus ist nicht gleich Anachronismus: In den 1940er-Jahren bekannte Benjamin Britten einmal gegenüber seinem Kollegen Michael Tippett, dass es naiv und unzeitgemäß sei, das Metier eines Opernkomponisten auszuüben, zumal in Großbritannien. Tatsächlich kann man sich kaum vorstellen, dass die Trickkiste traditioneller Opern-Topoi noch erschöpfender zu plündern...
Die Nachricht, dass Dieter von uns gegangen ist, erreichte mich letzte Woche in Schwetzingen, unmittelbar nach einer Probe mit Christine Schäfer und Axel Bauni für mein Stück «Nacht-Räume», das wir abends in einem Konzert aufgeführt haben. Ganz unter dem Eindruck dieser unfassbaren Endgültigkeit saßen wir am späten Abend noch eine Weile zusammen. Beide, Christine...
Im Kreis vertrauter Menschen war er anders. Da sagte er Dinge, die direkter, persönlicher und präziser waren als vieles, was er offiziell redend oder schreibend von sich gab. Plötzlich wich der strenge Fischer-Dieskau-Habitus einer Schutzlosigkeit, wie sie nur wenige Menschen zulassen (können) und wie sie in seinem Gesang hörbar war. «Ein Sänger stirbt zweimal»,...
