Der Musik den Vortritt
Der antike Mythos um die schuldhafte Leidenschaft Phaedras, der Gattin des athenischen Königs Theseus, zu ihrem Stiefsohn Hippolyt hat in Jean Racines Trauerspiel «Phèdre» seine klassische Ausformung erhalten. Für ihre Oper «Phaedra», die im Rahmen des Lucerne Festival am Luzerner Theater ihre Schweizer Erstaufführung erlebte, haben Hans Werner Henze und sein Librettist Christian Lehnert aber auf die Tragödie «Hippolytos» des Euripides zurückgegriffen.
Hier ist Phaedra das unschuldige Instrument, durch das die Liebesgöttin Aphrodite sich an dem spröden Prinzen rächt, der die Jagd der Liebe vorzieht. In antiken Quellen haben Henze und Lehnert zudem eine Fortsetzung der Geschichte gefunden, die den zweiten Teil der Oper bildet: Artemis, die Göttin der Jagd, bringt den toten Hippolyt nach Italien und erweckt ihn wieder zum Leben. Er wird zum Waldgott Virbius.
Henze hat sein Werk als «Konzertoper» bezeichnet und sich wohl eine semi-konzertante Aufführung vorgestellt. Das ist nachvollziehbar: Zum einen hat er eine kammermusikalisch transparente, farblich fein abgemischte Partitur geschaffen, die auf dem Konzertpodium zweifellos besser zur Geltung kommt als im Orchestergraben. Zum anderen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn die Dinge, das Denken und das Fühlen nur noch unterwegs sind, wenn sie keinen Halt mehr kennen, der die Bewegung unterbrechen, ihr Maß, Rhythmus und Sinn verleiht, wächst die Sehnsucht nach dem, was Ernst Bloch mit dem Wort «Heimat» meinte – die Utopie des mit sich und der Welt versöhnten Menschen. Je reißender, unüberschaubarer der Strom des beschleunigten...
Neben ihrem dokumentarischen Wert besitzen DVD-Aufzeichnungen von Opernproduktionen eine Korrektivfunktion: Während in der Hochspannung des Premierenabends das musikalische Ergebnis oft unter den Möglichkeiten der Beteiligten bleibt, kommt die meist aus mehreren Folgeabenden zusammengeschnittene DVD dem erhofften Ideal weit näher. Missglückte Spitzentöne und...
Der Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft des Theaters hat seine besten Tage hinter sich. Die aristotelische Katharsis, das Lessing’sche Vertrauen in die sittliche Wirkung der Empathie, der Schiller’sche Ruf nach der Schaubühne als moralischer Anstalt – all das kommt uns heute wie Schnee von gestern vor. Aus vielen Gründen. Vor allem wohl, weil die Bühne...
