Zauber der Barbarei
Verkehrte Welt. In seiner vierten Inszenierung des «Attila» präsentiert Pier Luigi Pizzi den Hunnenkönig als Bewahrer des abendländischen Kulturerbes. Ein gewitztes, aber auch etwas übertriebenes Paradox. Schon im Schauspiel des deutschen Dramatikers Zacharias Werner wandelte sich der wilde Khan aus den asiatischen Steppen zu einem stockgermanischen Verehrer Wotans («Wodano» in dem Libretto, das Temistocle Solera und Francesco Maria Piave für Verdi schrieben).
Pizzi geht noch weiter: Im Prolog lässt der Feldherr den Brand löschen, den seine Soldateska in der Bibliothek von Aquileia gelegt hatte. Wenn die Lust an der Umdeutung weiter um sich greift, werden wir die vermeintlich von Gott gesandte Geißel der zivilisierten Menschheit wohl bald zum Opferlamm verklärt sehen: Attila als Märtyrer, dessen Seele gen Himmel fährt, seliggesprochen von Papst Leo. Der Römer Ezio, Odabella (die Tochter des gemeuchelten Herrschers von Aquileia) und deren Geliebter Foresto hingegen liefen dann allerdings Gefahr, von einem Kriegsgericht als Terroristen zum Tode verurteilt zu werden. Eine solche Revision der Figuren und des historischen Geschehens erscheint kaum wünschenswert.
Geschickter, ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Carlo Vitali
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