Facettenreich
Das zweistöckige Haus Kettenbrückengasse 6 unweit des Theaters an der Wien sieht mit seiner schmutzig-traurigen Fassade aus, als würde es den Tod Franz Schuberts noch heute betrauern. Vor 180 Jahren starb der Komponist dort, erfror an der Welt, quälte sich davor noch seine «Winterreise» ab. Man erinnert sich an die Szenen in Fritz Lehners Schubert-Verfilmung «Mit meinen heißen Tränen»: Schwammerl, der Schmerzensmann, der Musikterrorist in der bleiernen Zeit Metternichs, in Udo Samels pyknischer Gestalt.
Den Freunden trug er seine «schauerlichen Lieder» vor, mit hohler, schartiger Stimme. Hat Schubert wirklich so geklungen? Vermutlich nicht; schließlich war er Mitglied des k. u. k. Sängerknaben-Konvikts gewesen – Zeit- und Hörgenossen berichten von einer zierlichen Tenorstimme. Doch sein Vortragsstil dürfte eher deklamatorisch gewesen sein, vermutlich anders als jener des Hofopernsängers Michael Vogl, der Schuberts bedeutendster und erfolgreichster Interpret wurde. Aber auch Vogl hat die Lieder wohl schlichter gesungen, als wir es heute angesichts einer interpretatorischen Übernuancierung des späten 19. Jahrhunderts gewohnt sind. Man muss es bedauern, dass Edison erst Mitte des ...
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