Puccini: Tosca
Wir schreiben das Jahr 1973, gerade hat der Diktator Pinochet in Santiago de Chile die Macht an sich gerissen. Also gibt es in dieser «Tosca» keine Kirche mit Kapellen und einem Maler bei der Arbeit, sondern einen schlichten Raum mit eingemauerter Madonna und angrenzendem Fotolabor, das auch eine konspirative Wohnung sein könnte.
Später, wenn die Musik des Te Deum langsam, brütend beginnt und sich gewaltig steigert, fahren die Wände hoch und geben den Blick frei auf ein surreales Ambiente: Scarpias Schreibtisch im Zentrum, neben dem lasziv ein Animiermädchen tanzt, umgeben von Krankenschwestern und Patienten. Der Chef der Militärjunta dagegen steht außerhalb – buchstäblich im Rampenlicht.
Philipp Kochheim hat genau auf die Musik gehört und die Veränderung ihres imaginären Raums in Szene gesetzt. Aber auch sonst bietet der Regisseur eine präzise Zeichnung von Figuren und Situationen: Toscas Eifersucht spricht aus wenigen Gesten und Blicken, ihr Begehren aus dem Buhlen um den Geliebten in feiner Reizwäsche. Wie sie von Spoletta die Beruhigungsspritze verabreicht bekommt – und in Trance Angelotti verrät; wie sie ihr «Vissi d’arte» in Embryostellung auf einer Krankenliege beginnt, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wer die Aktualität eines Bühnenwerks besonders betonen will, lässt es hier und heute spielen – ein recht einfach gestrickter Ansatz, der in Frankfurt momentan groß in Mode scheint. Im Mai war Calixto Bieito mit seiner «Macbeth»-Deutung im geilen Morast einer Bankenzentrale gescheitert, jetzt versuchte es Claus Guth – wieder mit Verdi, diesmal dem «Maskenball». Und:...
Vielleicht ist «La forza del destino» – obgleich nach dem spanischen Drama «Don Álvaro, o la fuerza del sino» von 1835 komponiert – Verdis radikalste Shakespeare-Oper: Einheit von Ort und Zeit sind aufgebrochen wie nie im Werk dieses immer wieder nach neuen Lösungen suchenden Komponisten. Dralle, burleske Massenszenen wechseln mit hohem tragischen Ton; inbrünstiges...
Und wieder kein Deutscher dabei! Ein Grund zum Nachdenken, was unsere Ausbildungssituation angeht, doch kein Grund zum Jammern. Die Globalisierung im Opernbetrieb hat Koreaner, Chinesen, Osteuropäer und Südamerikaner an die Weltspitze gestellt, und das nicht zu Unrecht – ein Trend, der sich längst nicht mehr nur in Gütersloh feststellen lässt, wo die...
