Haltlos, von Sinnen
Seiner Natur und Geschichte nach war das deutsche Lied lange Zeit schüchtern, sensibel und kontaktarm, die Kunstform einer in sich verkapselten, nur bedingt gesellschaftsfähigen Innerlichkeit. Doch das änderte sich spätestens mit Richard Strauss, der sich weniger an Schubert, Schumann und Brahms orientierte, sondern vielmehr an den Konzertliedern von Franz Liszt und damit die Gattung vorsätzlich in die große Öffentlichkeit holte.
Man erliegt allerdings einer Täuschung, wenn man hier Glanz und Wonne schon für die Sache selbst nimmt und in seinen Liedern nur die Schlager des Wilhelminismus, das Klangdekor einer deutschen Belle Époque hört. Das sind sie auch, zugleich aber viel mehr. Der Bariton Thomas Hampson, begleitet von Wolfram Rieger, beweist es mit seinem Album «Notturno», der vielleicht nachdenklichsten, düstersten Strauss-Lieder-Platte, die es momentan gibt.
Schon das erste Lied, «Zueignung», klingt anders, als man es gewohnt ist. Weggewischt wird der Überschwang, mit dem man es sonst als Hymne der Dankbarkeit, bereits mit dem Blumenstrauß in der Hand, als Zugabe gesungen hört. Die Anweisungen moderato und piano werden hier sehr ernst genommen. Zwei Worte der ersten Strophe ...
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Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Jan Brachmann
Její pastorkyňa, «Ihre Ziehtochter», hieß das Stück bei Gabriela Preissová, und auch Leos Janácek nannte seine danach gefertigte Oper erst mal so. Was die Verhältnisse zurechtrückt. Denn «sie», die bigotte Küsterin Burya, Mörderin des unehelichen Kindes ihrer Ziehtocher Jenufa, ist die eigentliche Hauptfigur des Dramas. Und Iris Vermillion macht sie denn auch zum...
Und wieder kommt uns bei «The Rape of Lucretia» der sarkastisch-sexistische Aphorismus Georg Christoph Lichtenbergs über die «Ehre der Frauenzimmer», die, pardon, «nur einen halben Zoll vom Arsche abliegt» (Zitat aus Lichtenbergs «Sudelbüchern»), in den Sinn. Zwar weit weniger sudelig, aber dennoch merkbar scheint dies auch über Benjamin Brittens zweiter Oper zu...
Geigen sirren, Holzbläser flattern in höchster Lage. Tuba und Posaunen rumoren tief unten im Unbewussten. Die Trompete bläst Attacke. Die Trommel marschiert. Der Männerchor skandiert tonlos «Reiten, Reiten, Reiten, Reiten». Den gefühlten Hauptpart in Ornute Narbutaites Rilke-Oper «Kornetas» aber spielt das impressionistisch farbige Schlagwerk. Das Vibrafon, mit dem...
