Die Kunst des Innehaltens
Iphigénie ist von Alpträumen gepeinigt: Die berühmte Gewitterszene am Beginn von Glucks Oper ist nicht zuletzt Allegorie für die Last ihrer blutigen Familiengeschichte. In Lukas Hemlebs Deutung zeigt der Frauenchor, der Iphigénies Auftritt im Wüten der Elemente begleitet, eine irritierende Nähe zu Erinnyen: Alle Choristinnen sind schwarz gewandet, ihre Gesichter verhüllt. Überdies trägt jede Priesterin eine lebensgroße Marionette mit roten (Blut-)Flecken auf dem kahlen Kopf vor sich.
Die Interaktion von Menschen und Marionetten ist in der Genfer Neuinszenierung der Oper von 1779 Programm. Auch mit den vier Hauptfiguren treten Marionetten auf. Nur, dass diese – den Solisten zum Verwechseln ähnlich und von jeweils zwei Personen geführt – unmerklich ein Eigenleben entwickeln. Immer wieder werden die unterdrückten Gefühle nur in den Bewegungen der Puppen sichtbar, oft richten sich die Aggressionen der Figuren gegen ihr eigenes Double. Durchgängig wird mit diesem Kunstgriff verdeutlicht, wie sehr Iphigénie, Oreste und Pylade, aber auch Thoas vom Fluch der jeweiligen Familiengeschichte konditioniert sind und nicht weniger von den Zwängen einer Religion, die selbst vor Menschenopfern nicht ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Anselm Gerhard
Frau Vondung, ich musste Sie zu diesem Gespräch regelrecht überreden. Offenbar mögen Sie keine Interviews ...
Ja!!! (lacht)
Das kam aus tiefster Seele. Warum meiden Sie das öffentliche Wort?
Ich bin einfach medienscheu. Das ist nicht mein Ding. Wenn ich Interviews lese, habe ich oft den Eindruck, dass die Fragen schon die erwünschte Antwort enthalten. Mir kommt das...
Mit zwei Alleinstellungsmerkmalen wollte Dessaus scheidender Intendant André Bücker seinen «Ring» unverwechselbar machen: Zum einen ließ er Raum und Kostüme im Stil von Oskar Schlemmers Bauhausbühne gestalten; zum anderen erzählte er die Story rückwärts, die «Götterdämmerung» stand also am Anfang (Premiere war im Mai 2012). Das ist die Reihenfolge, in der Wagner...
Kaum ein Monat vergeht, ohne dass uns das in Venedig ansässige Centre de Musique Romantique Française mit neuen Funden überrascht. Die jüngsten Opernausgrabungen aus dem Palazzetto Bru Zane: «La Caravane du Caire» von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813), «Renaud» von Antonio Sacchini (1730-1786) und «Les Bayadères» von Charles-Simon Catel (1773-1830). Die Werke...
