Die Kunst des Innehaltens

Hartmut Haenchen und Lukas Hemleb vergegenwärtigen Glucks «Iphigénie en Tauride» in Genf als Kammerspiel unterdrückter Gefühle

Opernwelt - Logo

Iphigénie ist von Alpträumen gepeinigt: Die berühmte Gewitterszene am Beginn von Glucks Oper ist nicht zuletzt Allegorie für die Last ihrer blutigen Familiengeschichte. In Lukas Hemlebs Deutung zeigt der Frauenchor, der Iphigénies Auftritt im Wüten der Elemente begleitet, eine irritierende Nähe zu Erinnyen: Alle Choristinnen sind schwarz gewandet, ihre Gesichter verhüllt. Überdies trägt jede Priesterin eine lebensgroße Marionette mit roten (Blut-)Flecken auf dem kahlen Kopf vor sich.



Die Interaktion von Menschen und Marionetten ist in der Genfer Neuinszenierung der Oper von 1779 Programm. Auch mit den vier Hauptfiguren treten Marionetten auf. Nur, dass diese – den Solisten zum Verwechseln ähnlich und von jeweils zwei Personen geführt – unmerklich ein Eigenleben entwickeln. Immer wieder werden die unterdrückten Gefühle nur in den Bewegungen der Puppen sichtbar, oft richten sich die Aggressionen der Figuren gegen ihr eigenes Double. Durchgängig wird mit diesem Kunstgriff verdeutlicht, wie sehr Iphigénie, Oreste und Pylade, aber auch Thoas vom Fluch der jeweiligen Familiengeschichte konditioniert sind und nicht weniger von den Zwängen einer Religion, die selbst vor Menschenopfern nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Rückschau vom Krankenbett

Charles Gounods «Faust» verschiebt die Dramaturgie der Goethe’schen Vorlage weg vom Erkenntnis- und Erlebnisdrang des ruhelosen Gelehrten hin zur Gretchen-Tragödie. Am Theater Hagen hat nun Regisseur Holger Potocki versucht, die Gewichte zugunsten des Titelhelden wieder in die Gegenrichtung zu verschieben, indem er die Handlung als eine Art Rückschau des...

Angstmaschine

Da hockt der Gehörnte, grinst, glotzt, grimassiert. In Pelzmütze, halbnackt und starrend vor Schmutz. Als Samiel ist der Schauspieler Peter Moltzen fast immer auf der Szene in Michael Thalheimers Berliner «Freischütz»-Inszenierung. Ist er in diesem Höhlenschlund voll dürrer Zweige die Verkörperung der Instinkte, die uns umtreiben? Ängste, Triebe? Denn jeder ist...

Die Nibelungen an einem Abend

Wenn Opernkenner sich in den Pausen langer Wagner-Aufführungen unterhielten, kamen sie bisweilen auf ­Ernest Reyer zu sprechen. Der habe es nämlich gewagt, die Nibelungen-Sage ebenfalls zu vertonen. 1884, acht Jahre nach Wagners «Ring», sei das Werk in Brüssel uraufgeführt worden und in Frankreich bis zum Zweiten Weltkrieg recht erfolgreich gewesen, danach aber nur...