Versionen eines Mythos
Die Aufführungsgeschichte von Glucks «Orpheus» steht in einem irritierenden Widerspruch zu der Bedeutung, die das Stück für die Entwicklung der Oper hat. Obwohl die 1762 erstmals aufgeführte «azione teatrale» den geschlossenen Werkbegriff etablierte, ist kaum eine Oper über die Jahrhunderte stärker den Moden und Usancen des Betriebs angepasst worden.
Daran ist der Komponist nicht ganz unschuldig: Glucks Umarbeitungen, vor allem die Pariser Fassung für hohen Tenor, spannten schon früh einen Möglichkeitsraum für Mischfassungen und Transpositionen auf, dem selbst die historische Aufführungspraxis und ihr rigider Werkbegriff erstaunlicherweise nichts anhaben konnten.
So radikal wie von David Alagna in seiner 2008 für Bologna erstellten Fassung wurde der «Orpheus» vermutlich kaum je zurechtgestutzt: Schon nach wenigen Ouvertürentakten geht es mitten hinein in den Furientanz des zweiten Akts, zu dem hier Orpheus und Eurydike Hochzeit feiern. Alagna ordnet sein «Orpheus»-Material nicht nur neu, sondern verändert auch die Musik selbst: Das Trio «Tendre amour» aus dem letzten Akt etwa wird dem Chor zugeteilt, der damit seiner Trauer über den Autounfall des jungen Paares Ausdruck gibt, und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was dem Ballett recht ist, ist der Oper billig. So werden sie sich im Baden-Badener Festspielhaus denken. In der Tat, die Choreografien eines Bournonville, eines Petipa oder Fokin werden nach mehr als einem Jahrhundert noch neu einstudiert. Die Baden-Badener Richard-Strauss-Pflege verfährt ähnlich: Nach dem Salzburger «Rosenkavalier» (1995) des 2002 verstorbenen...
Das Timing war brillant: Nur zwei Tage vor den pompös inszenierten Eröffnungs-feierlichkeiten von Ruhr2010 feuerte Aalto-Theater-Intendant Stefan Soltesz einen öffentlichen Brandbrief ab, in dem er die drohenden Kürzungen für die Kultur bei gleichzeitiger Kulturhauptstadt-Verschwendungssucht anprangerte. Prägnanter kann man die Schieflage von Festivalitis und...
Bei der Uraufführung 1935 in der Semperoper (unter Karl Böhm) war klar, zu welcher Partei der Held in Rudolf Wagner-Régenys Oper «Der Günstling» zu rechnen ist: Gil, der einfache Mann aus dem Volk, der sich opfert, um den mächtigen, fremdländischen Günstling auszuschalten und so die alte Missherrschaft zu beenden, vertrat die neue nationalsozialistische Zeit. Das...
