Ebenmaß und Distanz

Werner Güra und Christoph Berner setzen sich mit Beethoven auseinander: historisch reflektiert, rhetorisch ausgefeilt, klassisch

Opernwelt - Logo

Werner Güra und Christoph Berner setzen den Weg ihrer erfolgreichen Haydn-CD fort: Auch bei Beethoven wechseln Lieder mit Instrumentalmusik, in diesem Fall mit den späten Bagatellen op. 126. Das macht Sinn und sorgt für Kontraste. Die Bagatellen sind alles andere als nette Nebensächlichkeiten, vielmehr extrem verdichtete Reflexionen des späten Beethoven, Miszellen nach den großen Sonatenschlachten. Insofern bilden sie einen Gegensatz zum grundsätzlich anderen, offeneren vokalen Duktus.

Berner hat einen Streicher-Flügel von 1847 ausgewählt, was der Sache zusätzlich gut ansteht, für klare, aber auch kernige Akkordik sorgt und subtile Formen der Melodieführung ermöglicht, die sich nicht in Oberflächenbrillanz erschöpfen.

Den Rahmen des Programm bilden die beiden im Abstand von zehn Jahren entstandenen Fassungen von «An die Hoffnung» (op. 32 und op. 94), wobei sich Beethoven erst beim zweiten Anlauf an die groß dimensionierte erste Strophe des Lehrgedichts wagte, in der die Frage «Ob ein Gott sei» am Anfang steht und die Rätselhaftigkeit des Seins mit einem imaginären Weltgericht zusammengedacht wird. Werner Güra singt das allerdings ohne existenzialistischen Furor, ohne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 21
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Kräuseln und Tosen

Die Gedanken sind frei. Sie fliehen, wie man weiß, vorbei wie nächtliche Schatten. Und so darf man wohl entschuldigen, dass uns während der Aufführung von Brittens «Peter Grimes» im Theater an der Wien ausgerechnet Karl Valentin in den Sinn kommt. Der bemerkte einmal hintersinnig: «Heute besuche ich mich selbst. Ich bin schon neugierig, ob ich zu Hause bin ...» Wir...

Stimmfutter für Fortgeschrittene

Obwohl sie nicht wirklich ein Repertoirestück geworden ist wie «Norma» oder «La sonnambula», gibt es von Bellinis (nicht auf Shakespeare, sondern auf Matteo Bandellos Novelle zurückgreifender) Romeo-und-Julia-Version «I Capuleti e i Montecchi» nicht weniger als 20 Aufnahmen. Bei den meisten handelt es sich um Live-Mitschnitte, der letzte (mit Anna Netrebko und...

Editorial

«Was zählt, ist die Transgression, die Überschreitung. Man muss immer weiter gehen», sagte Pierre Boulez 2003 im «Opernwelt»-Gespräch. Damals war er noch beinahe alterslos, strotzte vor Elan. Als wir ihn zehn Jahre später in Luzern wiedertrafen, ahnten wir, dass die Kräfte zu schwinden drohten – geistig wirkte er hellwach, doch körperlich geschwächt. Am 5. Januar...