Talentschmiede
Die präpotenten römischen Besatzer tragen Brustpanzer aus Plastik. Vittoria Yeo, Oberpriesterin der naturverbunden matriarchalischen Gallier, darf als Norma zu ihrer Signet-Arie «Casta Diva» eine Mondsichel in Händen halten. Die in edlen Tableaux erstarrten Damen und Herren des überwältigend eloquenten Chores behaupten die Ursprünglichkeit ihrer den Eroberern trotzenden Kultur qua Sandalenfilm-Historismus. Cristina Muti inszeniert Bellinis «Norma» aus dem Opernbilderbuch in Omas Schrank.
Im intimen Rahmen des schnuckeligen Logentheaters der Dante-Stadt, das denn auch den Namen «Teatro Alighieri» trägt, wirken diese Bilder freilich gar nicht angestaubt, sondern so stimmig wie liebevoll – und demütig.
Riccardo Mutis Gattin, die als Präsidentin des Ravenna Festivals im Herbstableger der sommerlichen Festspiele zur Operntrilogie an drei Folgetagen lädt, lebt ihr Selbstverständnis, dass Regie der Musik und dem Libretto zu dienen habe und nicht den Flausen von egomanen Interpreten, konsequent aus. Ihr geht es darum, junge Sänger im besten, wenn auch gern etwas mythendunklen Licht erscheinen zu lassen. Denn ihre vornehmeste Aufgabe versieht Signora Cristina als Talentscout. In ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Peter Krause
Schon sein erster Ausflug ins Reich der Operette war ein Riesenerfolg. Das 2014 veröffentlichte Album «Du bist die Welt für mich» verkaufte sich 215 000-mal. Weil sich Jonas Kaufmann auf die Jahre 1925 bis 1935 beschränkte, also auf die bronzene Ära des Genres, hatte Sony damals vor allem den deutschsprachigen Markt im Blick. Jetzt aber ist die ganze Welt die...
Einer der Erfolgssongs der Pop-Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung provozierte mit dem Refrain: «Einmal möchte ich ein Böser sein, eine miese Sau.» Ein erfüllbarer Wunsch, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt. Auch Titus Flavius Vespasianus (39-81) war nicht jener Gutmensch, als der er in Mozarts letzter Oper beworben wird. So ließ er Jerusalems Tempel...
Ein Vater, der in seinem Brotberuf Zyniker vom Dienst ist, seine junge Tochter wegsperrt, sie nur zum Kirchenbesuch aus dem Haus lässt und ihr verheimlicht, wer ihre Mutter war. Wie soll man das heute inszenieren? Wo soll eine zeitgemäße Interpretation ansetzen, wenn ein notorischer Erotomane gehobenen Standes, der jede Frau umsonst haben kann, sich mit einer...
