Versailles: Von Angesicht zu Angesicht
Zoroastro stapft mit einem Handscheinwerfer an die Rampe und lässt den Strahl über die Ränge wandern. Dagegen dürfte niemand Einwände haben: eine Gelegenheit, den herrlichen Saal in Ruhe zu betrachten, den Louis XV. im Schloss Versailles so widerwillig bauen ließ. Das Publikum folgt mit Ahs und Ohs, auch wenn die Aktion wohl kaum fürs Sightseeing geplant war. Auf der Bühne selbst gibt es eher wenig zu sehen – Regisseur und Ausstatter Eric Vigner hat sie für Händels «Orlando» fast roh belassen.
Zoroastro, Zeremonienmeister, Herr über Licht und Prospekte, kann da nach Belieben für Veränderung sorgen, zum Beispiel mit einem Perlenvorhang, der sich in der Wahnsinns-szene schön verwirbeln lässt. Das dominante Merkmal des Bühnenbilds: ein riesiges iPhone, das im Portal hängt. Sinnig, wenn man bedenkt, wie viel hier tagein, tagaus mit einem ebensolchen geknipst wird. Zoroastro zeigt Orlando darauf ein Video zweier nackter Liebender, die sich lasziv auf einem Bett räkeln. «O imagine funeste», ruft der Ariost’sche Held, solcherart mit den Indiskretionen des YouTube-Zeitalters konfrontiert, und zieht los, zu neuen Liebesgroßtaten. Der szenische Nutzen des Geräts hat sich damit allerdings ...
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Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff
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