Modernes Märchen
Bayreuth für Anfänger? An einem Abend? Der «Ring», den das «deutsch-französische forum junger kunst» im Bayreuther «Zentrum» einen Tag vor der Eröffnung der Festspiele aufführte, ist gewiss keiner für Novizen. Die Fassung David Seamans erlebte 1990 ihre Premiere in der Nürnberger «Pocket Opera», aber ganz so klein ist diese Version denn doch nicht. Dreieinhalb Stunden Spieldauer, ein Orchester mit dreizehn Musikern: ein durchaus unniedliches Format.
Wenn das Orchester unter Nicolaus Richters Leitung das Walhall-Motiv entfaltet, wenn im zweiten «Siegfried»-Akt der Drache auftritt und besiegt wird, wenn der Vergessenstrunk gereicht wird, wähnt man sich fast im Festspielhaus: So monumental oder deliziös entfaltet sich die Musik, der drei Hörner, eine Trompete und zwei Posaunen die Basis geben. Unter den Streichern findet sich keine Geige, ein Schlagzeuger setzt den Rhythmus, das i-Tüpfelchen stellt die äußerst aparte Harfe dar: ein Klang zwischen Wagners Opulenz, Strauss’ «Ariadne»-Filigran und Weills verfremdender «Dreigroschenoper»-Rauheit.
Was aber bringt die rasante Schnitttechnik, mit der die Partitur, die «Ring»-Geschichte verkürzt wird? Das Problem dieser ...
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Die Einträge fehlen in Deutschlands gängigen Opernhandbüchern. Zwischen Mussorgskyjs «Boris Godunow» und Nicolais «Lustigen Weibern» findet sich dort nichts. Wo eigentlich Josef Myslivecek hingehört, klafft eine Leerstelle im hiesigen Musikwissen. Wenn also die Kammeroper Schloss Rheinsberg den Böhmen auf ihre Festivalbühne brachte, tat sie, was in größeren...
Er steht abseits des Weges, fast im Gebüsch. Und die wenigen, die ihn überhaupt sehen, erkennen ihn kaum. Ein kahlköpfiger, aufgeschwemmter alter Mann, bekleidet nur mit einem Tuch um die Hüften. Vorsichtig schiebt er sein rechtes Bein nach vorne, während sich die linke Hand auf einen hochgezogenen Beckenknochen stemmt. Der Rücken krümmt sich, der Bauch hängt...
Karajan gründete einst die Salzburger Osterfestspiele, um hier sein eigenes Bayreuth zu etablieren: Der «Ring» war die erste Tat. Zur Konkurrenz für den Grünen Hügel avancierte sein Wagner-Unternehmen gleichwohl nicht. Eher könnte man jetzt den Grünen Hügel im tirolerischen Erl zwar nicht zur existenziellen, aber doch zur atmosphärischen Konkurrenz erheben. Auf...
