Tragik der Landeier
Vrenchen und Sali könnten glücklich sein. Wenn sie nicht das Pech hätten, aus zwei verfeindeten Bauernfamilien zu stammen. Und sie die gehässige Gesellschaft nicht in den Tod triebe. So funktioniert die gängige Lesart von Gottfried Kellers berühmter Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe». Frederick Delius hat in seiner gelegentlich wieder aufgeführten Oper die sozialen Zusammenhänge in den Hintergrund geschoben und sich auf das Liebespaar konzentriert.
In Bielefeld, der Stadt, aus der die Familie des Komponisten stammt, zeigt Regisseurin Sabine Hartmannshenn das Paar ganz ohne Romantik, als zwei Menschen, die sich ineinander verlieren, von der Welt abkapseln und aus eigener Schuld in einem Alptraum versinken.
Theoretisch ist das Konzept schlüssig. Die üppige, spätromantische Klangsprache von Frederick Delius braucht keinen szenischen Realismus. Auch wenn die Bielefelder eine für mittlere Musiktheater erstellte, reduzierte Instrumentierung aufführen, bleibt ein Eindruck von Opulenz, auch in der Vielfalt der Mittel. Manche Harmonien erinnern an Wagners «Tristan», ruppige, prägnante Effekte an den Verismo, auch der Einfluss amerikanischer Balladen – Delius lebte einige Jahre als ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Stefan Keim
Da hockt der Gehörnte, grinst, glotzt, grimassiert. In Pelzmütze, halbnackt und starrend vor Schmutz. Als Samiel ist der Schauspieler Peter Moltzen fast immer auf der Szene in Michael Thalheimers Berliner «Freischütz»-Inszenierung. Ist er in diesem Höhlenschlund voll dürrer Zweige die Verkörperung der Instinkte, die uns umtreiben? Ängste, Triebe? Denn jeder ist...
Sucht man nach einer Art Gegenentwurf zu den vor allem in den Neunzigerjahren medial in Szene gesetzten Arena-Veranstaltungen der «Drei Tenöre», so dürfte man einen solchen, subtil ins Hausmusikalische gewendeten Kontrapunkt in der neuen Aufnahme mit Christoph und Julian Prégardien finden. Vater und Sohn gestalten, begleitet von dem stets inspirierten Pianisten...
Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin. In der Lübecker Aufführung von Hector Berlioz’ «La Damnation de Faust» darf Marguerite nicht als unschuldige Seele dem Ruf der himmlischen Geister folgen. Sie ist vielmehr ein gefallener Engel, der sich in einen Vamp verwandelt und den Verderber umarmt, lasziv küsst: Méphistophélès. Marguerite hat viel...
