Klamme Gefühle
Sie sind schon da, als die Pauke und drei Dissonanzen den Reigen folgenschwerer Missverständnisse eröffnen. Rogoschin, der Dandy. Nastassja, die Umschwärmte. Lebedjew, der Strippenzieher. Und die anderen traurigen Gestalten, die in einem schäbigen Salon fröstelnd darauf warten, dass endlich was passiert. Dass jemand eintritt und die Starre löst, die auf den ausgebleichten Tapeten und in den leeren Herzen liegt. Noch wissen wir nicht, wer da die Zeit totschlägt. So wenig wie der Fremde, der schließlich an die Türe klopft.
Kein nobler Herr, ein mausgrauer Jedermann ist Fürst Myschkin für die Regisseurin Andrea Schwalbach. Ein Biedermann mit Bauchansatz unter dem Pullunder, der eher unfreiwillig zum Flaneur in diesem Biotop verdeckt brodelnder Gefühle wird. Auf mehr als 900 Seiten hat Dostojewski in seinem 1868/69 veröffentlichten Roman «Der Idiot» die Stimmung der russischen Gesellschaft seiner Zeit seziert. Der polnisch-russische Komponist Mieczyslaw Weinberg, jener «stille Revolutionär» aus Warschau, der in der Sowjetunion Zuflucht vor den Nazis fand, von Stalin bedrängt, von Schostakowitsch gefördert, sollte die «dunkle Glut» des Stoffes in seinem letzten, 1986/87 entstandenen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2015
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Albrecht Thiemann
Sucht man nach einer Art Gegenentwurf zu den vor allem in den Neunzigerjahren medial in Szene gesetzten Arena-Veranstaltungen der «Drei Tenöre», so dürfte man einen solchen, subtil ins Hausmusikalische gewendeten Kontrapunkt in der neuen Aufnahme mit Christoph und Julian Prégardien finden. Vater und Sohn gestalten, begleitet von dem stets inspirierten Pianisten...
In Verdis «Don Carlos» hat die Macht eine Stimme. Doch anders als der Großinquisitor bleibt sein französischer Verwandter Kardinal Richelieu in diesem Stück stumm – ein dunkler Fürst, der nun, provoziert vom Marquis de Cinq-Mars, für einen Zeithauch ins Wanken gerät. Einiges erinnert bei Charles Gounod an das Kräfteviereck im populären anderen Werk. Auch bei Gounod...
Geschlossen wurde der Pakt, als es auf der Krim noch ruhig war. Als sich die Künstler im politikfreien Raum aalen durften und nicht – ob Gergiev oder Netrebko – mit der einen Frage konfrontiert wurden: Wie hältst du’s mit dem neuen Zar? Auch das ist also eine ungewohnte Rolle fürs Theater Regensburg. Nicht nur Schauplatz sein für eine spektakuläre Uraufführung,...
