Integrationsprobleme

Rossini: Otello Wien / Theater an der Wien

Opernwelt - Logo

Wenn der fabelhafte John Osborn als Rossinis Otello die Bühne des Theaters an der Wien betritt, stellen wir fest: Kein Blackface. Schwarzer Vollbart, Turban – aber nicht das (heute oft als rassistisch empfundene) schwarz geschminkte Gesicht, mit dem etwa der russisch-jüdisch-amerikanische Jazzsänger Al Jolson am Broadway reüssierte und das für Darsteller wie Laurence Olivier und Mario del Monaco in der Rolle des Mohren von Venedig unerlässlich war.

Denn Regisseur Damiano Michieletto präsentiert diese Figur erst gar nicht als Schwarzafrikaner des Quattrocento, sondern als Araber unserer Zeit. Ethnisch ist das nicht mal verfälscht: Schließlich verweist der Untertitel von Shakespeares Schauspiel etymologisch auf einen «Moor» – also Mauren. Die sesshaften Abkömmlinge der Berber waren zwar ursprünglich keine Araber, wurden aber von diesen islamisiert und verbanden sich mit ihnen.

Wie dem auch sei: Bei Michieletto ist Otello praktizierender Muslim und durchaus integrationsfreudig, sucht er doch das Bürgerrecht Venedigs zu erwerben. Sein Job ist der Erdölhandel – daher wird er auch zum Hoffnungsträger einer wohlhabenden, in diesen Krisenzeiten allerdings verunsicherten venezianischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Schlüssig, ausgewogen

Schon ein Jahr nach der Uraufführung kamen Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» 1958 im Teatro Nacional de São Carlos heraus – zunächst auf Italienisch. 1970 spielte man das Stück dort erstmals in der französischen Originalfassung. Nun, nach 45 Jahren, erfuhr der Dreiakter in Lissabon eine weitere Neudeutung – mit ausnahmslos portugiesischen Sängerinnen und...

MACHOGLÄUBIG: Jonas Kaufmann und Anja Harteros in der Münchner «Forza»

Hildegard Knef sang einst das Lied von einem, der nie ein Kavalier bei den Damen war, doch dafür ein Mann, und Polly Peachum gibt im Barbara-Song der «Dreigroschenoper» ähnlich Machogläubiges von sich. Häufig scheinen Mädchen aus gutem Hause sich Außenseitern an den Hals zu werfen, weil diese vermeintlich die interessanteren Männer sind. Ob man damit freilich...

Undurchdringlich

Zangezi» ist so etwas wie das Opus summum des russischen Futuristen Velimir Chlebnikov (1885-1922). Ein als Drama konzipierter, im Grunde aber epischer Text, in dem er die fundamentalen Themen seines Schreibens zur Synthese zu führen sucht: Der Prophet «Zangezi» ist ein Alter Ego des Autors, die ihm in den Mund gelegten Spekulationen – etwa über die nach...