Die Wüste Welt - und eine Portion Hoffnung
Was wäre, gälte Schopenhauers Wort? Was also wäre, würde sich das Wesen einer Gesellschaft durch Musik ausdrücken lassen? Nähme man Aribert Reimanns «Lear»-Partitur zum Maßstab und setzte die Entstehungszeit in eins mit der Jetztzeit, es stünde gewiss nicht eben gut um die menschlichen Belange. Kaum eine Oper nach 1945 trägt so sehr die Züge des Apokalyptischen wie dieses Werk in zwei Teilen auf Shakespeare, das 1978 in Münchens Nationaltheater seine Uraufführung erlebte, mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelpartie (der Reimann zur Komposition animiert hatte).
Mehr noch als in seiner Kafka-Oper «Das Schloss», formulierte Reimann das Abgründig-Verschmutzte der Welt und ihrer Bewohner vermittels erschütternder Klänge, die den Hörer geradezu zwingen, hinabzusteigen in die Verderbtheit der menschlichen Seele. Um diese Atmo-
sphäre zu kreieren, verwendet Reimann eine Vielzahl orchestraler Mittel: weit auseinanderklaffende, gleichsam psychotisch irrlichternde Streicherlinien, dumpfes, katakombengleiches Gedröhn (und Gestöhn), massive, grell-pastose Cluster-Wände, insistierend-synkopisches Schlagwerk, und immer wieder formelhafte, an Messiaens Modi gemahnende Blechbläser-Attacken, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
John Dews mutiger Versuch, Gustave Charpentiers einst ungeheuer erfolgreiche «Louise» von 1900 zusammen mit ihrer (dramaturgisch und harmonisch) ungleich moderneren Fortsetzung «Julien» (1913) am Dortmunder Theater neu zu entdecken, blieb vor acht Jahren ein Einzelfall – die Vorlieben unserer Ahnen sind eben nur bedingt zu revitalisieren. Im Fall der «Louise» ist...
Jeder stirbt für sich allein. Der Tod macht hilflos, sprachlos. Auf dem Weg vom Hier zum Dort ist der Mensch auf sich zurückgeworfen. Egal, woher er kommt. Egal, wo er steht. Egal, wer bei ihm ist. Wenn das sichere Ende naht, hilft nur noch Gott. Oder die Musik. Oder gar nichts. Denn der Tod ist auch banal, das Sterben eine ziemlich triviale Sache. Ein Geschäft zum...
«Songs My Mother Taught Me» – der Titel aus den Zigeuner-Melodien von Antonín Dvorák gehört seit Langem zu den Topoi von Primadonnen, die sich scheinbar ganz persönlich und privat an ihre Bewunderer wenden und – im glücklichen Fall – mit einer Kunst verzaubern, die Kunst verbirgt. Es geht dabei um die essenzielle Kunst, eine Melodie zu singen und zum Leben zu...
