In der Urfassung
Schon der Titel ist Programm: Schlicht «Lucretia» steht auf den Plakaten, mit denen Kopenhagens Oper ihre neue Produktion ankündigt. Von der Vergewaltigung, die eigentlich im Titel von Benjamin Brittens 1946 uraufgeführter Kammeroper angekündigt wird, ist keine Rede.
Doch hat sie überhaupt stattgefunden? In der revidierten und bislang einzig gespielten Fassung, die Britten ein Jahr nach der Uraufführung anfertigte, schien die Sache klar: Die tugendhafte Ehefrau wird durch den brutalen Etrusker Tarquinius geschändet, begeht aus verletzter Ehre Selbstmord und wird als leuchtendes Beispiel der Keuschheit gefeiert.
Doch in der Urfassung, die Brittens Nachlassverwalter jetzt erstmals zur Aufführung freigegeben haben, sieht das anders aus. Sowohl die Musik in der Vergewaltigungsszene wie auch etliche andere Stellen deuten darauf hin, dass die Geschichte von Brittens Lucretia ursprünglich eine ganz andere war: die einer frustrierten Ehefrau, die sich bereitwillig einem leidenschaftlichen Verführer hingibt, doch anschließend nicht mehr im Zwiespalt zwischen ihrer Leidenschaft und dem rigiden Sittenkodex ihrer Umgebung weiterleben kann. Quasi um 180 Grad drehte Britten
jedoch nicht nur den ...
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