Experiment geglückt
Ursprünglich klang sie wie ein überraschend dunkler, «slawischer» Koloratursopran. Es ist gar nicht so lange her, da sang sie noch Adina. Gerade erst hatte sie Donizettis Belcanto-Königinnen in ihr Repertoire aufgenommen. Inzwischen wagt sich Anna Netrebko immer weiter in dramatischere Bereiche vor. Jüngst ging sie Verdis Spinto-Partien an, Wagners Elsa soll 2016 in Dresden folgen, Verhandlungen laufen auch mit Bayreuth.
Die unendlichen Vokalisen der «Vier letzten Lieder» stellen eine klug gewählte Zwischenstufe dar: Strauss’ Orchester hat in seiner Spätzeit-Elegik nicht mehr die erdrückende Wucht des Wagner’schen; die 20 Minuten Spieldauer gestatten es, mit Atemtechnik und Ökonomie auf neuem Terrain zu experimentieren; auch an die musikalische Gestaltung der für sie neuen Sprache kann sich die Diva herantasten.
Beim Benefizkonzert der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim zugunsten der Lindenopern-Sanierung fokussierte die Sopranistin ihre Stimme in der Mittellage, aus der heraus sie gewohnt mühelos in die dunkel leuchtenden, körpersatten Tonbereiche oberhalb des Systems aufstieg, während die tiefen Brusttöne überraschend matt blieben. Die sahnigen Legato-Bögen, meist auf ...
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Opernwelt November 2014
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Boris Kehrmann
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Die Suche nach verborgenen Schätzen der Musikgeschichte führte Cecilia Bartoli dieses Mal nach Sankt Petersburg. Dass westeuropäische Musiker seit den 1730er-Jahren am Zarenhof tätig waren und Opern nach italienischem Modell aufführten, ist seit Langem bekannt. Gehört hat diese Musik bisher wohl kaum jemand, nicht zuletzt aufgrund der desolaten Quellenlage: Die...
Auch informierte Historiker hätten wohl nicht mit dem Interesse gerechnet, das der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren in Deutschland – wo das mahnende Gedenken an den Zweiten eine viel größere Rolle spielt – bei Medien und Publikum auslöste: Die alten und neuen Bücher zum Thema stapeln sich, Fernsehreihen, Ausstellungen, ja selbst Comics pointieren...
