Verachtet mir die Laien nicht

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg Erfurt / Theater

Opernwelt - Logo

Der berührendste Moment gelingt Regisseurin Vera Nemirova, als sie zu Beginn des dritten Akts Beckmesser ein imaginäres Orchester dirigieren lässt. Mutterseelenallein steht der Stadtschreiber vor dem Halbkreis aus Stühlen und Notenpulten und schwingt den Taktstock. Da träumt ein Außenseiter, der die Kunst liebt, aber leider völlig unbegabt ist, vom beglückenden Maestro-Machtrausch.

Und sieht dabei nicht halb so anmutig aus wie Joana Mallwitz, die Erfurter Generalmusikdirektorin, die mit geradezu ballettöser Gestik für die Klänge in Beckmessers Kopf sorgt, mit der realen Musikertruppe im Graben, die sich aus ihrem eige­nen Orchester sowie Mitgliedern der Thüringen Philharmonie Gotha zusammensetzt.

Wenn die Einleitung verklungen ist und librettogerecht David auftritt, schleicht sich der Möchtegern-Dirigent hinaus, zu den tippelschrittigen Takten, die Wagner eigentlich Sachs’ Burschen zugedacht hat, die hier aber perfekt zum hippeligen Beckmesser passen. Fein ausgehorcht ist das, wie so manches Detail in dieser ersten Koproduktion des Erfurter Hauses mit den Erzrivalen vom Deutschen Nationaltheater Weimar. Weil sich die beiden Intendanten gut verstehen, Guy Montavon respektive Hasko ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2016
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Frederik Hanssen

Weitere Beiträge
Mit Hand und Fuß

Ein Glöckchen ertönt, und wie von Zauberhand bewegt schieben sich neue Kulissenteile auf die Gassenbühne, während im Hintergrund ein anderer Prospekt abrollt: ein Verwandlungsakt, der etwas ganz Besonderes darstellt und sich im Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein noch einige Male wiederholen soll. Kein Wunder, besitzt das herzogliche Barocktheater doch eine...

Eins mit dem Anderen

Ein persönlicher Text von mir zu Darmstadt und zur Oper hat etwas von der Perspektive eines Scheidungskindes. Ich fühle mich wie ein Zögling beider ästhetischer Sphären, deren Beziehungsstatus gut mit dem Facebook-Begriff «it’s complicated» beschrieben werden könnte. Er ist voller Widersprüche. Deren genauere Betrachtung scheint jedoch interessant nicht bloß im...

Renaissance des Leichten

Für die lang geschmähte Operette sind längst wieder bessere Zeiten angebrochen. Es scheint, dass – wie in den 50er-Jahren, als Werner Schmidt-Boelcke und Franz Marszalek auf diesem Gebiet Pionierarbeit leisteten – die Rundfunkanstalten bei der Wiederentdeckung und Neubewertung eine führende Rolle spielen. Drei Produktionen aus Hamburg, Köln und München sind jetzt...