Schockgefroren
Der Alptraum hat nichts Exotisches. Er nistet mitten unter uns. Im ganz normalen Wahnsinn des kleinbürgerlichen Alltags. Auf der Bühne: Leute von heute in lässigen Klamotten. Steril, aseptisch, schreiend kalt mutet die Behausung dieser geschlossenen Gesellschaft an – ein weiß gleißender Kubus. Ein paar Umzugskisten, billiges Polstermobiliar, zwei diagonal angeordnete Tische. Dazwischen ein riesiger Bilderrahmen, so leer wie der schockgefrorene Blick der überlebensgroßen nackten Barbiepuppe, die hinten auf der Bühne liegt, Schenkel und Scham schwarz beschmiert.
Über allem hängt ein grüner Magritte-Apfel. Ein schwebendes Ambiente zwischen Realismus, Surrealismus und Psycho-Symbolik.
Nicht nur Freud gehört in Franz Schrekers 1918 uraufgeführter Oper «Die Gezeichneten» zum geistigen Inventar. Auch Schopenhauers philosophischer Pessimismus, seine Abrechnung mit dem Fortschrittsdenken schwingen im Hintergrund mit. Wildes, skeptisches Denken, das Nietzsche und Wagner begierig aufgreifen sollten. Die Vorstellung, dass «jedes Tier die Beute und Nahrung eines andern wird», dass Instinkt und Trieb stets mächtiger sind als alle Vernunft – derlei ist keine Erfindung des komponierenden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Singt eben nicht der Gigl, sondern der Gogl, meinte Staatsoperndirektor Ioan Holender im Vorfeld dieser «Carmen»-Reprise, die als das große Medienereignis seiner letzten Spielzeit gehandelt wurde. Da empfiehlt sich ein kleiner Exkurs in die österreichische Mundart: Gigl und Gogl bedingen einander nicht wie Yin und Yang. Vielmehr stehen sie fürs Entweder-Oder; der...
Die Komische Oper Berlin macht es vor. Seit Beginn der Saison 2009/10 kann der Besucher an einem kleinen Videobildschirm zwischen deutschen und englischen Untertiteln wählen, eine Erweiterung auf zehn Sprachen ist in Planung. Was auf der einen Seite komfortabler Luxus für das internationale Publikum ist, stellt den fremdsprachigen Hörer auf der anderen Seite vor...
Ein historischer Moment: Mit der Premiere der «Gezeichneten» in Los Angeles kam erstmals in der Neuen Welt eine Oper von Franz Schreker zur Aufführung. Und auch die zweite amerikanische Schreker-Premiere steht bereits bevor: Im Rahmen des Bard SummerScape Festivals vor den Toren New Yorks ist für den 30. Juli seine frühe Oper «Der ferne Klang» angesagt.
«Die...
