Ohne Götter wäre die Welt besser
Die feierliche Einleitungs-Sinfonia und die prachtvolle Schluss-Chaconne sind echte Ohrwürmer. Aber auch darüber hinaus hat Domenico Bellis «Orfeo dolente» (1615) dem Opernfreund einiges zu bieten. Der Florentiner «compositore di camera» scheint dem Mantuaner und Neu-Venezianer Monteverdi nämlich mit seinem «Gegen-Orfeo» den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Bellis 35-minütiger «Orfeo» ist zwar «nur» eine Ansammlung von fünf Intermedien, die anlässlich der Karnevalsfeierlichkeiten im Uffizien-Palast zwischen die Akte von Torquato Tassos Schäferspiel «Aminta» eingeschoben wurden.
Spielt man sie aber, wie Vincent Dumestre und sein Ensemble Le Poème Harmonique, hintereinander (was der Untertitel «Favoletta» rechtfertigt), so zeichnet sich eine Oper ab, die sich mit jeder Note und jedem Vers auf Monteverdi/Striggios Favola «Orfeo» zu beziehen und sie pessimistisch übertrumpfen zu wollen scheint: Ausgangspunkt ist nicht der erste Tod der Euridice, sondern ihr zweiter. Die Musik hat ihre Macht verloren, Pluto bleibt diesmal hart, Proserpinas unirdisch-chromatische Fürsprache versagt, statt Vater Apoll tritt Mutter Calliope auf, nicht um ihren Sohn unsterblich zu machen, sondern um ihn zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Kaum zu glauben, dass Antonin Dvoráks «Rusalka» noch nie auf einer dänischen Bühne zu erleben war. Immerhin wurde das Stück 1901 uraufgeführt, und das Libretto des jungen Jaroslav Kvapil ist unverkennbar durch Hans Christian Andersens Märchen «Die kleine Meerjungfrau» geprägt. In der Reihe der zahllosen musikalischen Adaptionen, die das Sujet von der...
Am Anfang», sagt James Conlon und nuckelt an seiner zuckerfreien Starbucks-Spezialorder, «war es eine Faszination, die allmählich und ganz organisch zu einer Leidenschaft gewachsen ist.» Dabei zeigt der 57-Jährige noch immer alle Anzeichen heftigster Verliebtheit: Sobald er über Alexander Zemlinsky sprechen kann, über Ernst Krenek, Erich Wolfgang Korngold, Walter...
Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die...
