Alltag und Sonntag
Der beste Teil der Vorstellung fand in der Intendantenloge rechts über dem Orchestergraben statt. Dort saß Plácido Domingo und dirigierte die Oper von Anfang bis Ende mit. Seine Fingerspitzen malten melodische Linien, manchmal markierte er mit den Handflächen die Metrik. An Piano-Stellen senkte er den Kopf, und es schien, als würde er jede Phrase, die auf der Bühne gesungen wurde, mitatmen. Ohne Show verlief das Ganze. Eine Summe winziger Bewegungen: Ausdruck eines stückerfahrenen, hellwachen und vor allem Musik tief empfindenden Zuschauers.
Man sah förmlich, wie Puccinis «Manon Lescaut» klingen könnte.
Das, was aus dem Orchestergraben kam, war freilich etwas ganz anderes. Seiji Ozawa mühte sich redlich um eine ihm offenbar wenig vertraute Partitur. Das Orchester der Wiener Staatsoper spielte weit besser, als er dirigierte, aber es konnte natürlich weder Tempoübergänge noch dynamische Feinabstimmung herbeizaubern, die vom Pult aus nicht intendiert waren. Welche Sogkraft Puccinis frühe, raffiniert Wirkung ausformulierende Partitur hatte, war nicht einmal zu ahnen. Ihre Subtilitäten hatten einfach keine Chance. Selbst in der fünften Vorstellung nach der Premiere hatte Ozawa die ...
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