Der Klotz des Damokles
Verdis «Nabucco» ist eine Ansammlung starker Statements: Kampf der Kulturen, mosaisches Gesetz gegen Götzendienst, Liebe gegen Staatsraison, Machterschleichung und Apostasie – ein Knäuel von Handlungsfäden, jeder für sich ein ganzer Opernstoff, verpackt in emotional aufgeladene Gesangsnummern, mit mächtigen Chören dazwischen. Roland Aeschlimann, verantwortlich für Regie (Mitarbeit: Andrea K.
Schlehwein), Bühnenbild und zusammen mit Andrea Schmidt-Futterer auch für die Kostüme, hat aus nachvollziehbaren Gründen darauf verzichtet, dieses übergewichtige Handlungspaket psychologisch zu unterfüttern, es zu dekonstruieren oder noch eine weitere Erzählung hinzuzuerfinden (die wundersame Bekehrung Nebukadnezars erfolgt bei ihm genauso unvermittelt wie in Temistocle Soleras Libretto). Lediglich in den Schlusstakten erlaubt der Regisseur sich einen eingreifenden Kommentar, wenn die zum jüdischen Glauben konvertierte Fenena, das schwächste Glied im grausamen Spiel der Macht, sich aus der Umarmung Ismaels losreißt und sich ein Messer in den Bauch rammt. Soll wohl heißen: Religiöse Überzeugungen lassen sich nicht so gefahrlos wechseln wie Kleider.
Die großformatige Vorlage hat Aeschlimann in ...
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Opernwelt April 2014
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Max Nyffeler
Noli me tangere – rührt mich nicht an, scheint der schlanke Mann an der Bühnenrampe uns anzuflehen. Wohin mit den Händen, den Füßen, dem Blick? Hilflos, verspannt steht er da, als der Applaus aufbrandet, für ihn. Blinzelt scheu ins Gegenlicht, lugt verstohlen in den Graben, will unterschlüpfen bei den Choristen. Mark Andre wäre in diesem Moment wohl am liebsten im...
Giulio Caccinis «L’Euridice» entstammt jenen Tagen, als die Oper noch in den Kinderschuhen steckte, ja nicht einmal ihren Namen gefunden hatte. Die Florentiner Camerata, ein Zirkel aus Künstlern und Gelehrten, verfolgte Ende des 16. Jahrhunderts das Ziel, Musik und Dichtung in einem szenischen Gesamtkunstwerk zu vereinen und so das Theater der Antike...
Er sei nicht interessiert daran, Märchen zu erzählen, hatte Carlos Wagner vorab gesagt. Und schon beim Auftritt des blütenweißen Strahleritters Lohengrin – im Gegenlicht, gezogen von einem in Ketten gelegten Gottfried – zeigt sich, was er mit «Märchen» meint: Verblendung, die nicht als solche erkannt wird. Carlos Wagner versucht der Geschichte vom Heilsbringer am...
