Erinnerung, bestätigt
Zwar ist die elektromagnetische Aufzeichnung der schärfste Feind nostalgischer Verklärung. Doch gelegentlich vermag sie die Erinnerung auch zu bestätigen. Etwa im Fall der Live-Aufnahme von Webers «Freischütz» vor 35 Jahren an der Wiener Staatsoper. Der 28. Mai 1972 war einer jener Abende, von denen man seinen Enkelkindern berichten möchte. Erstmals stand Webers Oper wieder auf dem Programm: nach fast zwei Jahrzehnten, da man nach Ende der «Ära Adolf» fürchtete, mit diesem als «deutsche Nationaloper» verschrienen Werk unselige Geister wachzurufen.
Als Augen- und Ohrenzeuge erinnert man sich an eine in allen Parametern stimmige Produktion. Der kritische Theatergeher heute würde vermutlich inszenatorische Marginalien und Ausschwenkungen vom Waldsterben bis zum Problem von Außenseitern in einer repressiven Gesellschaft vermissen, doch solche regietheatralischen Reflexionen waren damals noch nicht à la mode. Otto Schenk inszenierte vielmehr traditionell dem Büchel entlang, doch witzig und unsentimental. Günter Schneider-Siemssens realistisch detailreiche Bühnenbilder hatten Poesie; die Wolfsschlucht hätte manches Horrormovie Hollywood’scher Prägung bereichert.
So viel zum Visuellen, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein Intendanz-Auftakt der leiseren, der eher unspektakulären Art: Tatjana Gürbacas Inszenierung von György Ligetis «Le Grand Macabre», mit der Generalintendant Hans-Joachim Frey als Nachfolger von Klaus Pierwoß seine Bremer Amtszeit beginnen lässt, verzichtet auf den Paukenschlag, der mit diesem so überschäumend vitalen Werk durchaus möglich gewesen wäre, und setzt...
Claude Debussys einzige Oper gehört mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung noch immer zu den großen Herausforderungen des Musiktheaters. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben in ihrer zuletzt in Stuttgart gezeigten Inszenierung (siehe OW 6/2007) das am «Kreuzungspunkt von alltäglicher Rede und depressivem Schweigen» (Julia Kristeva) angesiedelte Stück...
Das Spannendste an der neuen Wiesbadener «Tosca» ist das hochkonzentriert, klangschön und dicht musizierende Orchester, dem Chefdirigent Marc Piollet aufschlussreiche Partiturdetails entlockt. Neues Licht fällt auf ganze Szenen durch höhnisch glucksende Klarinetten hier, gefährlich drohende Cello-Soli dort, und das strenge Metrum der Schluss-Chaconne in der...
