Sinnlos? Von wegen!

Balázs Kovalik findet an der Oper Leipzig in Strauss’ «Frau ohne Schatten» eine Parabel auf die industrielle Überformung von Bedürfnissen und Gefühlen; am Pult beschwört Ulf Schirmer die Taten der Musik

Opernwelt - Logo

Aus den Schloten von Basstuba und Bassposaune steigen giftige Dämpfe auf – in übermäßigen und verminderten Quarten. Celli schmieren, dreifach geteilt, eine Mixtur aus chromatischen Quartsextakkorden auf den Untergrund wie Öl auf den Asphalt. Hörner und Holz bewegen sich in Gegenrichtung gleich Autos auf den Spuren einer Straße. Ihre Metren sind verschieden. Im Schlagzeug kesselt es. Gegen Pauke, Tamtam, Kastagnetten und Große Trommel schlägt die Rute einen Off-Beat. Dazu die Bilder: turmhohe Wohnquader. Grelles Geflacker der Neonreklame: Casino, Call Shop, Hotel Prinzessin.

Verheißungen von schnellem Geld, schnellem Sex und billigen Zimmern. Die Menschen dazwischen: verbraucht, zerlumpt, abgehetzt. Sinfonie einer Großstadt, Metropolis, Modern Times – das also hat Richard Strauss komponiert im ersten Akt der «Frau ohne Schatten». Amme und Kaiserin «tauchen hinab in den Abgrund der Menschenwelt, das Orchester nimmt ihren Erdenflug auf», steht in der Partitur vor Ziffer 107. Dass dieser Abgrund einer des industriell zugerichteten Lebens ist, einer der seelischen Verödung in technisierter Urbanität – das hört man in Leipzig dank der Bühne von Heike Scheele. Sie macht, schlagartig, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jan Brachmann

Weitere Beiträge
Fremde Orchidee

Die Wälder um Athen gibt es so, wie Shakespeare sie in «A Midsummer Night’s Dream» beschreibt, längst nicht mehr. Abgeholzt, Brandstiftern und Grundstückspekulanten zum Opfer gefallen. Weit entfernt von jenem romantischen «Zauber der Natur», den sich etwa die Styriarte in diesem Jahr als Motto aufs Banner schrieb und der eben auch in der Aufführung von Henry...

O Freiheit! Du kehrst zurück

Das Singen war hier strengstens verboten. Sogar zu Weihnachten. Wer es am Heiligabend wagte, leise, nur für sich, in der Zelle die traditionellen Lieder anzustimmen, wurde mit Arrest bestraft. Im Cottbuser Zuchthaus galten besonders harte Haftbedingungen, denn hier sperrten die DDR-Machthaber ihre politischen Gefangenen weg. Um sie zu demütigen – und dann für harte...

Fetzig, filigran, ohne Zicken

Das Strauss-Jahr 2014 beschert der «Frau ohne Schatten» einen regelrechten Boom. Auch kleinere Häuser trauen sich an das komplexe Werk, das eine fähige Besetzung und ein gut disponiertes großes Orchester braucht.

In Saarbrücken dokumentiert der scheidende GMD Toshiyuki Kamioka eindrücklich, warum er sich als Abschiedsproduktion gerade diese Märchenoper gewünscht...