Hinter Milchglas

Ein neues Belcanto-Traumpaar? Olga Peretyatko und Juan Diego Flórez in Laurent Pellys Neuinszenierung von Donizettis «Lucia di Lammermoor» an der Staatsoper Wien, dirigiert von Evelino Pidò

Opernwelt - Logo

Es sei ein Irrtum zu glauben, die entscheidenden Momente eines Lebens müssten von lauter und greller Dramatik sein, unterspült von heftigen inneren Aufwallungen. In Wahrheit sei die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung von leiserer, retardierender Art, dem Knall, der Stichflamme und dem Vulkanausbruch entgegengesetzt.

Solches formuliert sinngemäß der «Goldschmied der Worte» Amadeu de Prado in Pascal Merciers «Nachtzug nach Lissabon», und es scheint, als hätten Laurent Pelly, Regisseur der Neuproduktion von Donizettis «Lucia di Lammermoor» an der Wiener Staatsoper, und auch Dirigent Evelino Pidò ihrer Titelheldin Olga Peretyatko dies als psychisches Kostüm übergezogen.

Denn diese Lucia zeigt alle Symptome autistischer Erkrankungen, deren Entstehung zunächst ja oft unbemerkt bleibt. Von Anfang an gibt sie sich inwendig verhuscht, verängstigt, mit eckig zuckenden Bewegungen, in einer kalt-nebeligen Winterwelt, wie Chantal Thomas’ Bühnenbild diese zeichenhaft darstellt. Schon seit je scheint das Mädchen sein Leben in die Wolken geworfen zu haben. Lucia träumt sich weg aus der Realität, doch die Träume sind nicht schön, sondern von der Art der Nachtmahre, wie sie uns in den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Kafka in New York

Der Dichter leidet. «Hör’ ich das Liedchen singen, / Das einst die Liebste sang, / So will meine Brust zerspringen / Vor wildem Schmerzensdrang.» So ritzte es Heinrich Heine in seinem «Lyrischen Intermezzo» aus dem «Buch der Lieder» ins Papier, tränenüberströmt vermutlich. Robert Schumann komponierte dazu im zwölften Lied seiner «Dichterliebe» eine Musik, die so...

Passionsspiel

Und immer wieder, überraschend wie das Fingerschnippen des Hypnotiseurs, dieser Akkord in strahlendem C-Dur, pures in Musik gegossenes Weißgold: In wenigen Takten am Ende seines «Król Roger» widerruft Karol Szymanowski den «Tristan»-Schluss, der ursprünglich wohl geplant gewesen war: Nicht Vergehen in unbewusst höchster Lust, sondern Reifung durch Erkenntnis und...

Subtile Zeichen

Irgendjemand muss die Sache ausgepackt haben. Ganz vorsichtig, so wie es die Schriftzüge auf den Kulissenteilen («Fragile», «Handle with care!») empfehlen. Auch weil man dem Stück ja nicht mit der Pranke beikommen kann: Jules Massenets «Werther» ist ein Drama aus dem Reich der Zwischentöne, eine Studie der feinnervigen, mal eindeutigen, mal kaum wahrnehmbaren...