Unfassbar
Vor dem Sommer sind wir noch gemeinsam in die Vorproben der Neuproduktion «Fidelio» eingestiegen. Das Ensemble saß um Berts Bühnenbildmodell geschart. Einer von uns erklärte, es werde nicht darum gehen, ein spezifisches politisches System abzubilden, sondern zu untersuchen, wie sich ein auf Überwachung gestütztes System, wie wir es aus Diktaturen kennen, in die Sprache und Körper der in ihm lebenden Menschen einschreibt.
Bert unterbrach mit der lakonischen Bemerkung: «Nicht nur in Diktaturen!» Ein Gedanke, der ihn sehr beschäftigte, war, dass in Beethovens Oper die solistischen Protagonisten, die Gefangenenwärter, viel gefangener sind als die eigentlichen Häftlinge, welche nämlich − anders als sie − in der Lage sind, ihre Unfreiheit zu durchschauen und zu benennen. In den folgenden beiden ersten Probenwochen offenbarte sich uns einmal mehr Berts Kunst, einen komplexen Weltzusammenhang auf den einfachsten, schlagendsten bildnerischen Nenner zu bringen. In seinem «Fidelio»-Raum geht eine archaisch anmutende Provinzialität mit einem Science Fiction-Szenario digitaler Überwachung eine beunruhigende Verbindung ein.
Was hat ihn, der die Bühnen-, Zuschauer- und Bildräume des Schauspiels ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 102
von Sergio Morabito, Jossi Wieler
Man sagt ja, Kriminelle kehren immer an den Ort ihres Verbrechens zurück. Wie jemand so blöd sein kann, war mir zwar immer schleierhaft. Aber es stimmt. Gilt auch für mich. Das muss ich jetzt einsehen. Offenbar ist mein krimineller Instinkt bloß ein bisschen lahm – ich habe mir 24 Jahre Zeit gelassen, bevor ich wieder in Aix aufschlug.
Als wir 1991 mit Brittens...
Von der Londoner Wigmore Hall zum Burlington House braucht es kaum eine halbe Stunde gemütlichen Spaziergangs. Alljährlich beherbergt Letzteres die Sommerausstellung der Royal Academy of Arts, und das seit 247 Jahren. Die Show ist einzigartig in ihrer Mixtur aus Werken professioneller und dilettierender Künstler (12 000 Bewerbungen hat die in diesem Jahr von...
Das Opernwelt-Jahrbuch
Wo steht das «Opernhaus des Jahres»? Wer ist «Sänger des Jahres», und wer siegt in der Kategorie «Dirigent»? Am 30. September erscheint unser Jahrbuch «Oper 2015». Es enthält die mit Spannung erwartete Kritikerumfrage samt Porträts und Interviews. Außerdem: Essays über zeitgenössisches Musiktheater in den USA, den Boom historisch-kritischer...
