Keine Nuance geht verloren
Countertenöre scheinen die Welt der Barockoper heute so zu beherrschen, wie es früher die Kastraten taten, als deren moderne Wiedergänger die falsettierenden Sänger heute oft verstanden werden. «Historisch informiert», wie eine häufig gebrauchte Zauberformel der Aufführungspraxis lautet, ist diese Besetzungsoption freilich nicht. Würde man sich anhand der Quellen etwa der Händel-Zeit tatsächlich informieren, käme man zur Erkenntnis, dass Countertenöre wohl in Kirchen und Konzertsälen zu erleben waren, so gut wie niemals aber als Ersatz für Kastratensänger auf der Opernbühne.
Wenn kein Kastrat zur Verfügung stand, sei es wegen Erkrankung oder wegen überhöhter Gagenforderung, traten Sängerinnen en travesti, also im Männerkostüm an ihre Stelle. Einige Sängerinnen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts waren sogar spezialisiert auf Heldenrollen, die sie überaus erfolgreich an vielen, auch großen Bühnen sangen.
Als in den 1970er-Jahren die Renaissance der Barockoper begann, waren es zunächst Künstlerinnen vom Format einer Marilyn Horne, die in den Primo uomo-Partien Händels oder Vivaldis beeindruckten. Dann begann der bis heute anhaltende Siegeszug der Countertenöre, neben denen sich nur ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2019
Rubrik: CD des Monats, Seite 27
von Thomas Seedorf
Der Prolog fehlt. Keine Debatte darüber, wer die einflussreichste allegorische Figur auf der Bühne ist. Fortuna, die Schicksalsgöttin, und Virtù, Vertreterin von Tugend und Tapferkeit, sind erst gar nicht angereist. Nur Amor ist erschienen, um den Menschen stupende erotische Energien einzuflößen. Allein, das Singen hat auch der Liebesgott anscheinend verlernt....
Als der Beifall im Osnabrücker Theater verklungen war, fragte man sich ungläubig: Dieser Komponist sollte vergessen, seine Oper «Guercœur» unbekannt und seit der postumen Uraufführung 1931 nie wieder gespielt worden sein? Gewiss, Albéric Magnard (1865-1914) war der Querkopf und Einzelgänger unter den französischen Musikern seiner Zeit, keiner Schule zugehörig,...
Der Kölner Kardinal muss es wissen. In seinen Ausführungen über «Religion und Humor» zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach hat Rainer Maria Woelki als ersten biblischen Lacher die Reaktion des israelitischen Stammvaters Abraham auf Gottes Verheißung ausgemacht, er, Abraham, werde im hohen Alter noch einmal Vater werden (von Isaak). Es war das Lachen des...
