Rigoletto in der Todesfabrik

Die Wiederentdeckung des Bregenzer Festspielsommers 2010 ist der polnische Komponist Mieczyslaw Weinberg. Im Mittelpunkt des ihm gewidmeten Programms steht die szenische Uraufführung seiner Auschwitz-Oper «Die Passagierin». Als Vorlage diente ein Roman der inzwischen 86-jährigen Krakauerin Zofia Posmysz. Drei Jahre lang war sie ­unter der NS-Herrschaft in den Frauenlagern Birkenau und Ravensbrück interniert. Lange konnte sie über ihre Erlebnisse nicht sprechen. Schließlich schrieb sie sich die Schrecken von der Seele. Auf ihre Weise.

Opernwelt - Logo

Wenn die Wiener Philharmoniker am Neujahrstag ihr traditionelles Walzerkonzert geben, bleibt bei Zofia Posmysz in Warschau der Fernseher aus. Während die halbe Welt am heimischen TV-Schirm der schönen blauen Donau und dem obligatorischen Kaisermarsch entgegenfiebert, kann die Journalistin und Buchautorin dem Glück im Dreivierteltakt nicht viel abgewinnen.

Im Gegenteil: Die Melodien der Strauß-Dynastie und ihrer Epigonen, all diese nach Kaffeehaus und Ballsaal duftenden Zuckerstücke, all diese beschwingten, im edlen Frack vorgetragenen Charme-Offensiven sind ihr fremd geworden – damals, als sie fast noch ein Mädchen war. Walzer kann sie kaum ertragen. Erst recht nicht die bis heute populären Schlager der Ufa-Ära: Theo Mackebens «Nur nicht aus Liebe weinen» oder Peter-Kreuder-Hits wie «Ich brauche keine Millionen» und «Für eine Nacht voller Seligkeit». Für Zofia Posmysz ist das nicht irgendeine Musik. Es sind Töne, die ihr in einer Hölle begegneten. In der Hölle von Auschwitz.

«Wissen Sie, wo ich das Quartett aus Verdis ‹Rigoletto› zum ersten Mal gehört habe? In der sogenannten ‹zentralen Sauna› des Lagers Birkenau. Stellen Sie sich das einmal vor! Vier Frauen haben es gesungen. Zwei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2010
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Neues und Altes

Klappern gehört zum Handwerk. Es reicht nicht, Gutes und Schönes zu tun. Man muss auch darüber sprechen. Und dafür sorgen, dass darüber gesprochen wird. In Zeiten knapper Kassen und schiefer Haushaltslagen gilt diese Erkenntnis mehr denn je. Schon ein flüchtiger Blick auf die neuen Jahresbroschüren der Häuser bestätigt die Bedeu-
tung, die dem Marketing zugemessen...

Die Gegenwart der Vergangenheit

Herr Rousset, Sie stammen aus Avignon und sind in Aix-en-Provence aufgewachsen. In der Provence stößt man überall auf Monumente der Geschichte: Pont du Gard, Papstpalast, die römische Arena in Nîmes usw. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gegenwart der Vergangenheit in diesen Städten und Ihrer Vorliebe für Alte Musik?
Das kann man wohl sagen. Als ich zur Schule...

Alternative Avantgarden

Mit Hermann Wolfgang von Waltershausens «Oberst Chabert», 1912 in Frankfurt/M. uraufgeführt und über 100-mal von London (Covent Garden) bis New York (Met), Stockholm, Wien, Prag und Riga nachinszeniert, endet der Ausgrabungszyklus der Ära Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin. Alternative Avantgarden nach 1900 wurden hier vorgestellt: neuartige...