Die Kraft des Leisen

Seit einem Jahrhundert ist Korea unabhängig, seit 1953 ein geteiltes Land. Viele Musiker und Komponisten aus dem Süden gingen nach Europa, trugen ihre Erfahrungen in die Heimat zurück. Die Nationaloper in Seoul feierte das Jubiläum des «Liberation Day» mit Rossinis Befreiungsoper «Guillaume Tell». Eine Reise zu einer Musiknation zwischen K-Pop, westlicher E-Musik und eigener Tradition

Opernwelt - Logo

I.
73 Meter unter der Erdoberfläche stehen wir, fröstelnd – und verstehen alles besser. Zu sehen ist nicht viel. Feuchte Felswände. Eine schwere Eisentür, wie zu einem Tresor. Gemauerte Sperren in diffusem Licht. Dahinter liegt die Grenze. Der schmale Tunnel, durch den wir – mit eingezogenem Kopf – hierher gekommen sind, wurde von Nordkorea aus gebaut. Alle paar Meter entdeckt man Simse für Sprengköpfe. Gedacht war der Tunnel als Schleuse, durch die innerhalb weniger Stunden Tausende von Soldaten nach Süden hätten vorstoßen können.

Er verläuft unter der vier Kilometer breiten, demilitarisierten Zone, die beide Teile Koreas trennt und auf der Erde bis heute unpassierbar ist. Wann er gebaut wurde, ist unklar. Entdeckt wurde er 1978, als Teil eines auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul zulaufenden Stollensystems. Offiziell handelt es sich nach nordkoreanischer Darstellung um eine Kohlemine. Rein militärhistorisch betrachtet, ist dieser bizarre Ort ein Monument vergangener Zeiten. Kalter Krieg wird heute mit anderen Mitteln geführt. Dennoch ist er hier, tief unter der Erde, geradezu physisch spürbar. Südkorea hat aus dem unter seinem Territorium verlaufenden Abschnitt des Tunnels ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2019
Rubrik: Reportage, Seite 86
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Walhall in der Scheune

Wo kühn Kräfte sich regen ... Vor 377 Millionen Jahren rast ein Meteorit mit 100 000 Stundenkilometern auf die Erde zu, schlägt im weiland noch auf der Südhalbkugel der Erde gelegenen heutigen Mittelschweden ein. Vier Kilometer Durchmesser hatte der Himmelsriese, der Krater, den er hinterlässt, umfasst derer 50. Siljansringen nennen die Schweden diese gigantische...

Alle im Blick

Wenn man bedenkt, dass das Glimmerglass Festival 1975 bloß eine «Bohème» in der örtlichen High School war, hat sich die Kompanie enorm entwickelt. Stramm voran ging es insbesondere nach dem Bau des Alice Busch Theaters am Seeufer 1987: Man traute sich mehr in Sachen Repertoire, wagte Ur- und Erstaufführungen, erkundete Cavalli, Händel, Gluck. Längst beeindruckt die...

Was kommt... September/Oktober 2019

Ruhrtriennale
Auch für ihre zweite Spielzeit als Intendantin und Künstlerische Leiterin hat Stefanie Carp das Motto «Zwischenzeit» gewählt. Christoph Marthaler sucht «Nach den letzten Tagen», Ligetis Requiem steht im Zentrum von Kornél Mundruczós «Evolution», Heiner Goebbels untersucht in «Everything that happened and would happen» europäische Geschichte. Wir...