Empathie am toten Mann
Heiner Müller hielt es mit Mephisto: «Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin.» Fausts Vorwurf, bekannte der Chefdramatiker des deutschen 20. Jahrhunderts kurz nach dem Ende der DDR, beschreibe «eine Haltung, von der ich mich nicht freisprechen kann. Die ist gewachsen in den zwei Diktaturen, die ich erlebt habe.» Seine «Rüstung» gegen die auf Leichenbergen errichtete nazistische und kommunistische Gewaltherrschaft: «Man entwickelt einen Zynismus gegenüber der menschlichen Existenz.
» Es sind Schlüsselsätze für das Verständnis eines lakonisch-zersprengten, bitter-komischen, fragmentarischen Collage-Theaters, das Geschichte als Groteske und Sprache als Musik ohne Moral imaginiert. Es liefert gleichsam den chirurgisch-paradoxen, mit historischer oder persönlicher Erfahrung nur mehr als Material jonglierenden Bühnensound zu den Fanalen eines blutunterlaufenen utopischen Denkens.
Utopien, die Ungeheuer hervorbringen, sind auch dem Komponisten Alexander Raskatov vertraut. 1953 an dem Tag in Moskau geboren, als Stalin zu Grabe getragen wurde, bekam er noch selbst die Nachbeben jener sozialtechnischen Ideologie zu spüren, die auf die Erschaffung des neuen ...
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Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Albrecht Thiemann
Der Schlussgag hätte besser nicht klappen können. Fröhlicher Applaus im erschreckend spärlich besuchten Theater Basel. Karl-Heinz Brandt, eben noch ein engagierter Auktionator, stolpert beim Schritt zurück, strauchelt und stürzt. In diesen Augenblicken passiert etwas Faszinierendes: Man kann spüren, wie das gewissermaßen kollektive «Hoppla» einer unschönen Angst...
Erst erwürgt Madame Mao ihren Gatten, dann schießt sie alle anderen über den Haufen, Amerikaner wie Chinesen. Schließlich ist es ihr Stück, das hier gespielt wird: «Das Rote Frauenbataillon» sollte, wie alles in Maos Ära, die Vergangenheit den kommunistischen Grundsätzen dienstbar machen, was mit einem Leichenberg aus 50 Millionen Toten endete. Im Libretto von...
In den 1990er-Jahren flutete die emblematisch unter ihrem Vornamen bekannte Isländerin Björk Guðmundsdóttir den westlichen Pop mit weltmusikalischen Spährenklängen. Eine große Sängerin ohne Schmelzstimme, ein Stilmodel ohne kurvige Ausstrahlung – und in summa bedeutender, als es die Fragilität dieser Frau suggeriert. Björk: charismatisch-ungreifbar, ein Phänomen,...
