Helden, Jungfrauen, Liebhaber
Seit sechs Jahrzehnten gibt es für die Hauptwerke der französischen Oper des 19. Jahrhunderts keine rein muttersprachlichen Ensembles mehr, stellt Jürgen Kesting im Booklet zu Piotr Beczalas «The French Collection» fest. Wo aber «nurmehr eine Versammlung polyglotter Sänger» Gounod, Massenet und Bizet interpretiere, beklagt der Stimmspezialist, gingen «die Merkmale eines spezifischen nationalen Stils» immer mehr verloren. Die Kardinaltugend ist für die Franzosen in allen kulturellen Gattungen die clarté, also die Klarheit.
Bezogen auf die Musik heißt das: Die melodische Linie soll stets aus dem natürlichen Sprachfluss entstehen. Wobei der Deutlichkeit der Aussprache ein höherer Stellenwert zugemessen wird als der puren Schönheit des Tons.
Um diesem Ideal nachzuspüren, sich in die Eigenheiten der ars gallica einzufühlen, muss man allerdings nicht zwingend auf dem Boden der Grande Nation zur Welt gekommen sein, wie aktuell eine Bulgarin, ein Pole und ein Amerikaner beweisen. Sonya Yoncheva hört man zwar an, dass sie vor allem mit italienischem Repertoire aufgewachsen ist, wenn sie selbstsicher das «E strano» aus der «Traviata» darbietet oder Mimìs Arie aus dem dritten «Bohème»-Akt, ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Frederik Hanssen
«Tut wu-a yeri enti / Waa wau yeri wenenet.» Schon die Sprache schafft Distanz. Echnaton, der Pharao mit den radikalen Ideen und der unstillbaren Sehnsucht nach dem Licht, preist den Schöpfer der Dinge und des Lebens, der die Menschen mit seinen Augen und die Götter mit seinem Mund schuf, (meist) in altägyptischer Sprache: «Perer en rem em yertif / Cheper netscheru...
Peter Konwitschny (Regisseur): Woher kommt unser Theater? Es ist in Griechenland entstanden. Und zwar in Zusammenhang mit der Entstehung der Polis, einer demokratischen Verfassung, des Staates. Im Zentrum stand der Dialog. Alle freien Bürger gingen ins Theater und diskutierten über das, was sie gesehen hatten. «Die Perser» zum Beispiel. Oder «Antigone». Das war...
Glucks Reformopern begegnet man mit Respekt, aber die Bühne tut sich schwer mit ihnen. Auch wenn sie längst nicht mehr auf «edle Einfalt» und «stille Größe» getrimmt werden, schreckt ihre «verteufelte Humanität» noch immer ab. Dieser Einschüchterung sind im Gluck-Jahr 2014 nur zwei Inszenierungen – Romeo Castelluccis Wiener «Orfeo» und die «Paride ed Elena» des...
