Welt am Draht
Am Anfang ist Alcinas geheimnisvolles Inselreich – ein virtuelles Gefängnis, durch Stromdrähte gesichert – noch mit Plastikplanen verhüllt, die sich als stilisierte Meereswogen deuten lassen. Dann reißt der liebeskranke Orlando auf der Suche nach Angelica zu seiner «Nel profondo»-Arie die Sperren ein – um in die Fänge der in einem Ganzkörper-Schuppenkleid steckenden Zauberin zu geraten. Am Ende verabschiedet sich der dem Wahnsinn gerade noch entkommene «Rasende Roland» plötzlich auf Deutsch aus dieser Scheinwelt und geht langsam durch den Zuschauerraum ab.
Roland Schwabs spannende Inszenierung gewinnt nach der Pause dank geschickter Striche an Fahrt und Intensität. Der Regisseur begnügt sich nicht mit einer Nacherzählung der verwirrenden Geschichte, sondern nimmt uns mit auf eine verstörende Reise, während derer schon mal zwei in den Drähten hängende Geiger schräge Töne von sich geben oder eingespielte Science-Fiction-Filmmusiken die Klänge Vivaldis gefrieren lassen. Wenn Orlando schließlich, von vier schwarzen Schatten begleitet, zum Gewitter aus den «Vier Jahreszeiten» und dem berühmten «La Follia»-Thema tanzend alles um sich zerstört, beinahe auch sich selbst, attackiert dieser ...
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Stutzig werden wir erstmals bei der Durchsicht des Theaterjournals. Ganz unten auf der Besetzungsliste steht eine Person, die wir bislang nicht kannten: «Das Rheingold». Und tatsächlich, David Greeves, im Programmheft als Tänzer, Choreograf, Akrobat, Trapezkünstler und Schauspieler ausgewiesen, hangelt sich am Seil aus dem Straßburger Schnürboden: ein güldener...
Gottfried Pilz verzichtet auf jegliche Örtlichkeit und zeigt Wagners romantische Gespensteroper als Seelendrama zweier Individuen, die sich aus der Chormasse herauskristallisieren. Auf weißer Bühne, vor weißem Rundhorizont, agieren Menschen in weißer Krankenhauskleidung. Assoziationen an geschlossene Psychiatrie, aber auch an antikes Chordrama stellen sich ein....
Unter allen Opern, die Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in Angriff genommen haben, ist «Die Frau ohne Schatten» die ehrgeizigste: Es ging um nicht weniger als den aus der Zeitpsyche zu begreifenden Ehrgeiz, mit der Übergipfelung der «Zauberflöte» existenzielle Fragen (Menschwerdung, soziale Verantwortung und Sorge um die Nachkommen) in einem...
