Auf Koks
Wer allein die Musik dieses wahnwitzigen Stücks hört, diese priapistische Dauerspannung, diesen «Strawinsky auf Koks», blech- und perkussionsgesättigt, von elektrisierender, großstädtischer, aber auch leerlaufender Betriebsamkeit – wer also nur die tönende Energetik von Prokofjews «Spieler» wahrnimmt, erfährt schon viel von der Gesellschaft im Petrograd des Jahres 1916, bevor auch diese für immer zusammenbrach.
Im Spielkasino einer Fantasiestadt mit dem plakativen Namen «Roulettenburg» stolpern symbolisch das Zarenreich, der Kapitalismus und die Großstadtdekadenz ihrem Ende entgegen, wird alles wie in der Rouletteschale durcheinandergewirbelt. Die Handlung borgte sich Prokofjew bei Fjodor Dostojewski aus, der selbst ein exzessiver Spieler war, aber eben auch ein genauer Beobachter der fatalen Wirkung, die das Suchtverhalten auf die Beziehungen des Menschen hat: Es treibt ihm die Seele und das Mitgefühl aus dem Leib, der nur noch das Auf und Ab von Gewinn und Verlust erlebt. Echte Bindungen sind unter solchen Umständen der Selbstentfremdung durch das Kapital natürlich nur noch sentimentale Utopie – Prokofjew unterstreicht es durch eine radikal entromantisierte Musik, in der alle ...
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Opernwelt Februar 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen
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